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Novemberpogrome 1938
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Der Begriff Novemberpogrome 1938 bezieht sich hauptsĂ€chlich auf die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, die ursprĂŒnglich Reichskristallnacht oder Kristallnacht genannt wurde. Jahrzehnte spĂ€ter wird vorwiegend der Ausdruck Reichspogromnacht verwendet. Diese Pogrome waren vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte GewaltmaĂnahmen gegen Juden im Deutschen Reich.
Dabei wurden zwischen dem 7. und 13. November im ganzen Reichsgebiet mehrere hundert Juden ermordet, SchĂ€tzungen beziffern die Gesamtzahl der jĂŒdischen Todesopfer der Pogrome auf 1000 bis 2000. Um die 1400 Synagogen, Betstuben und sonstige VersammlungsrĂ€ume jĂŒdischer Menschen sowie tausende GeschĂ€fte, Wohnungen und jĂŒdische Friedhöfe wurden gestĂŒrmt und zerstört. Ab dem 10. November wurden mindestens 30.000 Juden verhaftet und in Konzentrationslager verbracht. Hunderte starben an den Folgen der mörderischen Haftbedingungen oder wurden ermordet.
Die Pogrome markieren den Ăbergang von der Diskriminierung der deutschen Juden ab 1933 hin zu ihrer systematischen Vertreibung und UnterdrĂŒckung. Inwieweit sie eine Vorstufe zu dem drei Jahre spĂ€ter beginnenden Holocaust darstellen, der Vernichtung allen jĂŒdischen Lebens, ist in der Geschichtswissenschaft umstritten.
Zum Teil wird der Begriff Kristallnacht bzw. Reichskristallnacht fĂŒr die Ausschreitungen verwendet, der zwar im angelsĂ€chsischen Raum eingebĂŒrgert ist, aber im deutschsprachigen Diskurs als zynisch und euphemistisch kritisiert wird, da er suggeriere, es seien damals nur Fensterscheiben zu Bruch gegangen.
Contents
âą Vorgeschichte
âą Verlauf
âą Folgen
âą Bezeichnungen
âą Ăsterreich
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Vorgeschichte
Die Novemberpogrome 1938 steigerten den staatlichen Antisemitismus zur Existenzbedrohung fĂŒr die Juden im ganzen Deutschen Reich. Entgegen der NS-Propaganda waren sie keine Reaktion des âspontanen Volkszornsâ auf die Ermordung eines deutschen Diplomaten durch einen Juden.cite-ref-1[1] Sie sollten vielmehr die seit FrĂŒhjahr 1938 begonnene gesetzliche âArisierungâ, also die Enteignung jĂŒdischen Besitzes und jĂŒdischer Unternehmen planmĂ€Ăig beschleunigen, mit der auch die AufrĂŒstung der Wehrmacht finanziert werden sollte.
Die Judenpolitik des NS-Regimes
Gewalttaten gegen Juden in Deutschland gab es auch vor der nationalsozialistischen Machtergreifung. WĂ€hrend der Hyperinflation 1923 griffen Antisemiten im Berliner Scheunenviertel Juden an. Der damalige SA-FĂŒhrer Wolf-Heinrich von Helldorf organisierte in Berlin den KurfĂŒrstendamm-Krawall von 1931. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung kam es zu einer ersten Welle antisemitischer Gewalt, die von der Parteibasis ausging und von der FĂŒhrung geduldet wurde: Ausgehend vom Rhein-Ruhr-Gebiet griffen SA-Leute jĂŒdische GeschĂ€fte an, forderten einen Boykott und schĂŒchterten Kunden ein.cite-ref-2[2] Am 11. MĂ€rz 1933 erreichte die Welle Braunschweig, wo ein âWarenhaussturmâ organisiert wurde. Am 1. April folgte der landesweite Judenboykott. Mit dem Berufsbeamtengesetz und dem Gesetz ĂŒber die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft vom 7. April verloren schon 1933 etwa 37.000 Juden ihre berufliche Existenz in Deutschland.
Daraufhin lieĂ die antisemitische Gewalt von unten nach. JĂŒdische Unternehmen wurden zeitweise ausdrĂŒcklich nicht benachteiligt, um sensible Wirtschaftszweige nicht zu schĂ€digen.cite-ref-3[3] 1935 folgte eine zweite Welle antijĂŒdischer Gewalt: Im MĂ€rz forderte Julius Streicher im NS-Hetzblatt Der StĂŒrmer die Todesstrafe fĂŒr âRassenschandeâ. Im Juli 1935 kam es zum zweiten KurfĂŒrstendamm-Krawall. Wieder reagierte der Staat auf den Druck der Parteibasis: Am 8. August 1935 verbot Hitler âwilde Aktionenâ gegen Juden, im September wurden die NĂŒrnberger Gesetze erlassen.cite-ref-4[4] Im Februar 1936 wollte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels das Attentat des jĂŒdischen Studenten David Frankfurter auf den NSDAP-FunktionĂ€r Wilhelm Gustloff fĂŒr âAktionenâ gegen Juden ausnutzen, doch unterblieb dies, weil das NS-Regime die bevorstehenden Olympischen Sommerspiele zur NS-Propaganda benutzen wollte.cite-ref-5[5]
1937 zeichnete sich ein Kurswechsel von der schleichenden VerdrĂ€ngung der Juden aus der deutschen Privatwirtschaft zu ihrer schnellen Zwangsenteignung durch den Staat ab. Im Januar forderte der âReichsfĂŒhrer SSâ Heinrich Himmler erstmals öffentlich die âEntjudung Deutschlandsâ, die das 25-Punkte-Programm der NSDAP 1920 als Ziel benannt hatte. Sie könne am besten durch Mobilisierung des âVolkszornsâ und Ausschreitungen erreicht werden.cite-ref-6[6] Im Oktober wies das âKampfblattâ der SS, Das Schwarze Korps, auf die angeblich ungeschmĂ€lerte Macht der Juden in Handel und Industrie hin. Diese sei nicht lĂ€nger zu dulden: âHeute brauchen wir keine jĂŒdischen Betriebe mehr.âcite-ref-7[7]
Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht hatte bereits 1934 gegen Streichers Boykottkampagnen protestiert, weil sie das WeihnachtsgeschĂ€ft zu stören drohten.cite-ref-8[8] Er wurde am 27. November 1937 abgelöst. Kurz darauf organisierte Streicher erneut einen Weihnachtsboykott gegen jĂŒdische GeschĂ€fte.cite-ref-9[9]
1938 folgte die dritte Welle antisemitischer Gewalt:cite-ref-10[10] Mit dem âAnschluss Ăsterreichsâ kamen 192.000 Juden zu den noch 350.000 Juden im âAltreichâ hinzu, so dass nun 542.000 Juden im âGroĂdeutschen Reichâ lebten. Vor allem in Wien mit neun Prozent jĂŒdischem Bevölkerungsanteil kam es zu wochenlangen Ausschreitungen. SA-SchlĂ€gertrupps prĂŒgelten tausende jĂŒdische GeschĂ€ftsinhaber aus ihren LĂ€den, Betrieben und Wohnungen. MittelstĂ€ndische NSDAP-Mitglieder ergriffen als âKommissareâ die Leitung geraubter GeschĂ€fte. Sie sahen dies als âWiedergutmachungâ fĂŒr Nachteile vor der âReichseinungâ und versuchten auch, AufkĂ€ufen jĂŒdischer Firmen durch kapitalkrĂ€ftige deutsche GroĂkonzerne zuvorzukommen. Um die âwilden Enteignungenâ zu stoppen, erklĂ€rte âReichskommissarâ Josef BĂŒrckel die âKommissareâ am 13. April per Gesetz zu neuen EigentĂŒmern, die nun ihr Betriebsvermögen anmelden mussten.cite-ref-11[11]
Am 26. April 1938 erlieĂ Göring ein Gesetz, das alle Juden des Reiches zwang, ursprĂŒnglich bis zum 30. Juni, spĂ€ter bis 31. Juli verlĂ€ngert, ihr gesamtes Vermögen, sofern es 5.000 Reichsmark ĂŒberstieg, detailliert beim Finanzamt offenzulegen. Man schĂ€tzte ihr Gesamtvermögen auf 8,5 Milliarden, den Anteil an liquiden Wertpapieren auf 4,8 Milliarden Reichsmark. Das NS-Regime plante deren Zwangsumtausch in deutsche Staatsanleihen, um diese gegen Devisen im Ausland zu verkaufen. So sollte das Haushaltsdefizit verringert und die Vertreibung der Beraubten ins Ausland finanziert werden.cite-ref-12[12]
Viele âAlte KĂ€mpferâ bewerteten die Judenpolitik des Regimes als zu zögerlich. Der Berliner PolizeiprĂ€sident Wolf-Heinrich von Helldorff etwa legte auf Goebbelsâ Anregung im Mai 1938 eine Denkschrift vor, die die radikale Heraustrennung der Berliner Juden aus Wirtschaft und Gesellschaft forderte. Goebbels nutzte im Juni 1938 die Juni-Aktion der Kampagne âArbeitsscheu Reichâ, die eigentlich gegen sogenannte Asoziale gerichtet war, zu Krawallen gegen jĂŒdische GeschĂ€ftsinhaber in Berlin.cite-ref-13[13] Vor Polizeioffizieren verkĂŒndete er: âNicht Gesetz ist die Parole, sondern Schikane. Die Juden mĂŒssen aus Berlin heraus.âcite-ref-14[14] Dadurch geriet er in Konflikt mit dem Sicherheitsdienst des ReichsfĂŒhrers SS, der erkannt hatte, dass eine Pauperisierung der Juden dem ĂŒbergeordneten Ziel im Weg stand, sie zur Auswanderung zu drĂ€ngen. Auf Einwirken Hitlers wurden weitere antijĂŒdische Aktionen mit Wirkung vom 21. Juni 1938 verboten.cite-ref-15[15] Im September kam es zu neuen antisemitischen ĂberfĂ€llen in Kassel, Rothenburg an der Fulda, Frankfurt am Main, Magdeburg, Hannover und Wien. Die unter Teilen der NSDAP-Mitglieder vorherrschende Pogromstimmung wird von dem Historiker Hans Mommsen mit der Kriegsgefahr in Zusammenhang gebracht, deren scheinbare Beilegung durch das MĂŒnchner Abkommen sich in vermehrtem antisemitischen Aktionismus entladen habe.cite-ref-16[16]
Angesichts der auf Auswanderung der Juden abzielenden Politik des NS-Regimes befĂŒrchteten die europĂ€ischen Nachbarstaaten eine FlĂŒchtlingsflut und waren bestrebt, diese abzuwenden. Bei der internationalen Konferenz von Ăvian (Frankreich) im Juli 1938 erklĂ€rte sich keines der 32 teilnehmenden LĂ€nder zur Aufnahme der bedrohten Juden bereit. Vielmehr protestierte die Schweiz, in die viele Juden aus Ăsterreich flohen, gegen die âVerjudungâ und drohte eine allgemeine Visumspflicht an. Daraufhin entzog das NS-Regime deutschen Juden die ReisepĂ€sse und ersetzte sie durch Sonderausweise mit dem neu eingefĂŒhrten Judenstempel. Auch Luxemburg hielt am 9. November 1938 auf Beschluss seiner damaligen christlich-sozialistischen Regierung die Grenzen fest geschlossen und verstĂ€rkte die Grenzkontrollen.cite-ref-17[17] Adolf Eichmann richtete schlieĂlich im Auftrag von Reinhard Heydrich im August in Wien die erste Zentralstelle fĂŒr jĂŒdische Auswanderung ein. Eine FlĂŒchtlingswelle setzte ein: Bis Herbst verlieĂen etwa 54.000 Juden das Reich.
Am 14. Oktober kĂŒndigte Göring im Reichsluftfahrtministerium ein gigantisches RĂŒstungsprogramm an. Dieses sei jedoch durch das Staatsdefizit und begrenzte ProduktionskapazitĂ€ten erschwert. Die Privatwirtschaft mĂŒsse daran mitwirken, da man andernfalls zur staatlich gelenkten Planwirtschaft ĂŒbergehen werde. Die âArisierungâ sei nun unumgĂ€nglich und allein Sache des Staates; sie dĂŒrfe auf keinen Fall wie in Ăsterreich anarchisch als âVersorgungssystem untĂŒchtiger Parteigenossenâ ablaufen.cite-ref-18[18]
Erste Massenabschiebung (âPolenaktionâ)
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Hauptartikel
:
Polenaktion
Am 9. Oktober 1938 erlieĂ Polen eine Verordnung, nach der die PĂ€sse aller lĂ€nger als fĂŒnf Jahre im Ausland lebenden Polen ohne Sondervisum eines zustĂ€ndigen Konsulats am 30. Oktober ablaufen sollten. Das betraf vor allem bis zu 18.000 von geschĂ€tzten 70.000 polnischen, meist verarmten Juden, die vielfach illegal im GroĂdeutschen Reich lebten.cite-ref-19[19] Die deutsche Regierung stellte Polen daraufhin am 26. Oktober ein Ultimatum, die RĂŒckkehrmöglichkeit der Staatenlosen zu garantieren, andernfalls werde man sie sofort ausweisen. Nach der erwarteten Ablehnung befahl die Gestapo allen StĂ€dten und Gemeinden am 27. Oktober, die Betroffenen sofort festzunehmen. In der Nacht zum 29. Oktober wurden sie aus ihren Wohnungen geholt, in schwer bewachten ZĂŒgen und Lastwagen zur deutsch-polnischen Grenze bei ZbÄ
szyĆ (deutsch: Bentschen) abtransportiert und hinĂŒbergejagt.
Die unvorbereiteten polnischen Grenzbeamten verweigerten den Abgeschobenen zunĂ€chst mit Waffengewalt den Ăbertritt, die Deutschen wiederum die RĂŒckkehr. Sie mussten tagelang ohne Nahrung in den ĂŒberfĂŒllten Grenzbahnhöfen oder im Niemandsland warten, bis die polnischen Behörden sie passieren lieĂen. Ein Teil kam in den nĂ€chsten Tagen bei jĂŒdischen Gemeinden in Polen unter, etwa 7.000 Personen mussten aber zum FlĂŒchtlingslager ZbÄ
szyĆ in der Woiwodschaft PoznaĆ marschieren, wo die polnische Regierung sie bis August 1939 internierte. Im Januar durften sie fĂŒr kurze Zeit in ihre deutschen Heimatorte zurĂŒckkehren, um ihre GeschĂ€fte zu verkaufen, Haushalte aufzulösen und so ihre erzwungene âAuswanderungâ zu regeln.cite-ref-20[20]
Attentat als Vorwand
Am 3. November erfuhr der in Paris lebende siebzehnjĂ€hrige polnische Jude Herschel Grynszpan, dass auch seine ganze Familie nach ZbÄ
szyĆ vertrieben worden war. Er besorgte sich einen Revolver und schoss damit am 7. November 1938 in der Deutschen Botschaft, damals im Palais Beauharnais, auf den der NSDAP angehörenden LegationssekretĂ€r Ernst Eduard vom Rath. Dieser erlag am 9. November seinen Verletzungen.
Teile der NS-FĂŒhrung nutzten das Attentat als willkommenen Vorwand, um der unzufriedenen Parteibasis Gelegenheit zum Handeln gegen jĂŒdisches Eigentum zu geben und die Juden beschleunigt dann auch gesetzlich aus dem deutschen Wirtschaftsleben auszuschalten. Bevor die französische Polizei die HintergrĂŒnde untersucht hatte, lieĂen Goebbels und sein Mitarbeiter Wolfgang Diewerge die Verschwörungstheorie verbreiten, Grynszpan habe im Auftrag des Weltjudentums gehandelt, das das nationalsozialistische Deutschland vernichten wolle. Zu diesem Zweck arbeite es an einer Vergiftung der deutsch-französischen Beziehungen, um so einen Krieg zu provozieren. Die Deutsche Allgemeine Zeitung wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Grynszpan sein Attentat am Jahrestag der Oktoberrevolution begangen hatte.cite-ref-21[21] Noch am 7. November gab das Deutsche NachrichtenbĂŒro (DNB), eine zentrale Institution der Presselenkung im NS-Staat, eine Anweisung heraus, die Meldung ĂŒber das Attentat sei in allen Zeitungen âin groesster Form herauszustellenâ und es sei besonders âdarauf hinzuweisen, dass das Attentat die schwersten Folgen fuer die Juden in Deutschland haben mussâ.cite-ref-22[22] Am darauffolgenden Tag schrieb Diewerge im Leitartikel des Völkischen Beobachters, betitelt Verbrecher am Frieden Europas:
âEs ist klar, daĂ das deutsche Volk aus dieser neuen Tat seine Folgerungen ziehen wird. Es ist ein unmöglicher Zustand, daĂ in unseren Grenzen Hunderttausende von Juden noch ganze LadenstraĂen beherrschen, VergnĂŒgungsstĂ€tten bevölkern und als âauslĂ€ndischeâ Hausbesitzer das Geld deutscher Mieter einstecken, wĂ€hrend ihre Rassegenossen drauĂen zum Krieg gegen Deutschland auffordern und deutsche Beamte niederschieĂen. [âŠ] Die SchĂŒsse in der deutschen Botschaft in Paris werden nicht nur den Beginn einer neuen deutschen Haltung in der Judenfrage bedeuten, sondern hoffentlich auch ein Signal fĂŒr diejenigen AuslĂ€nder sein, die bisher nicht erkannten, daĂ zwischen der VerstĂ€ndigung der Völker letztlich nur der internationale Jude steht.âcite-ref-23[23]
Ăhnliche Kommentare finden sich am 8. und 9. November in anderen Parteizeitungen der NSDAP, etwa im Westdeutschen Beobachter.cite-ref-24[24]
Verlauf
Erste Ăbergriffe
Die Nachricht vom Attentat auf den zuvor weitgehend unbekannten Diplomaten vom Rath erreichte die deutsche Ăffentlichkeit erst am 8. November 1938 durch die Tagespresse. Bereits am SpĂ€tnachmittag des 7. November begannen jedoch in Kurhessen und Magdeburg-Anhalt die ersten Ăbergriffe gegen Juden, ihre Wohnungen, GeschĂ€fte, GemeindehĂ€user und Synagogen. Die TĂ€ter waren Angehörige von SA und SS. Sie traten in Zivilkleidung auf, um wie normale BĂŒrger zu wirken und die ĂŒbrige Bevölkerung zum âVolkszornâ wegen des Attentats in Paris aufzuhetzen. Am Abend des 7. November wurden die Synagoge und andere jĂŒdische Einrichtungen in Kassel, in derselben Nacht auch jene umliegender Orte wie Bebra, Rotenburg an der Fulda und Sontra verwĂŒstet.cite-ref-25[25] Am 8. November brannte in Bad Hersfeld die erste Synagoge. In den Landkreisen Fulda und Melsungen, u. a. den Orten Baumbach, Eschwege, Fritzlar, Witzenhausen, wurden fast alle jĂŒdischen Wohnungen und GeschĂ€fte demoliert.cite-ref-26[26] Im Laufe des Abends und der Nacht wurden zahlreiche Juden misshandelt. In Felsberg gab es dabei mit dem Kaufmann und Kommunalpolitiker Robert Weinsteincite-ref-27[27] das erste jĂŒdische Todesopfer in Kurhessen.cite-ref-28[28]
Am Nachmittag des 9. November wurden ab 15 Uhr die Synagoge und das jĂŒdische Gemeindehaus in Dessau angezĂŒndet. Ab 19 Uhr begannen die Ausschreitungen in Chemnitz. Die Brandstiftungen betrafen allesamt nur Synagogen und GeschĂ€fte, deren BrĂ€nde die NachbarhĂ€user nicht gefĂ€hrden konnten. NichtjĂŒdische HĂ€user und Wohnungen blieben ĂŒberall verschont.
Von wem die Initiative zu den Ausschreitungen in Kurhessen kam, ist umstritten. Der Historiker Wolf-Arno Kropat glaubt, Gaupropagandaleiter Heinrich Gernand sei âoffensichtlichâ vom Reichspropagandaministerium dazu beauftragt worden.cite-ref-29[29] Alan E. Steinweis sieht dafĂŒr keine Belege. Höchstwahrscheinlich habe Gernand die Berliner Propaganda als Signal verstanden, seine Parteigenossen gegen die örtlichen Juden losschlagen zu lassen.cite-ref-30[30] Angela Hermann hingegen schlieĂt eine Anstiftung der kurhessischen Exzesse durch Goebbels aus und hĂ€lt auch die Gernand zugeschriebene Rolle als Anstifter fĂŒr fragwĂŒrdig.cite-ref-31[31] Die Aktionen wurden von örtlichen ParteifĂŒhrern â darunter einem Kreisleiter â und SA-Parteiaktivisten gesteuert; teilweise wurden sie von auswĂ€rtigen Parteimitgliedern dazu aufgefordert.cite-ref-32[32] Der Historiker Hans-JĂŒrgen Döscher geht davon aus, dass sich hier das âgewalttĂ€tige Potential der antisemitischen Parteibasisâ zeigte.cite-ref-33[33]
Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938
Adolf Hitler hatte seinen Begleitarzt Karl Brandt und den angesehenen Unfallchirurgen Georg Magnus nach Paris an vom Raths Krankenbett beordert und diesen um drei Klassen zum Gesandtschaftsrat I. Klasse befördert.cite-ref-34[34] Am 9. November nahm er nach dem Gedenkmarsch fĂŒr den Hitlerputsch an einem Essen bei einem Kameradschaftsabend der ParteifĂŒhrung mit âalten KĂ€mpfernâ im Alten Rathaus in MĂŒnchen teil. Dort erfuhr er vom Tod des Diplomaten. Sofort besprach er sich wĂ€hrend des Essens mit Goebbels, der ihn ĂŒber bereits anlaufende Ausschreitungen informierte, und entschied: âDie Demonstrationen weiterlaufen lassen. Polizei zurĂŒckziehen. Die Juden sollen einmal den Volkszorn zu verspĂŒren bekommen.âcite-ref-35[35] Entgegen seiner Gewohnheit verzichtete er auf eine Rede und verlieĂ die Versammlung nach dem Essen.cite-ref-36[36]
Goebbels machte anschlieĂend gegen 22 Uhr vor den versammelten Partei- und SA-FĂŒhrern die Nachricht bekannt. Er benutzte den Tod zu einer antisemitischen Auslegung des Attentats, in der er âdie JĂŒdische Weltverschwörungâ fĂŒr den Tod vom Raths verantwortlich machte. Er lobte die judenfeindlichen Aktionen im ganzen Reich, bei denen auch Synagogen in Brand gesetzt worden seien, und verwies dazu auf Kurhessen und Magdeburg-Anhalt. Er Ă€uĂerte, dass die Partei nicht als Organisator antijĂŒdischer Aktionen in Erscheinung treten wolle, aber diese dort, wo sie entstĂŒnden, auch nicht behindern werde. Die anwesenden Gauleiter und SA-FĂŒhrer verstanden dies als indirekte, aber unmissverstĂ€ndliche Aufforderung, die âspontanenâ Aktionen des âVolkszornsâ zu organisieren.cite-ref-37[37]
Nach Goebbelsâ Rede telefonierten sie gegen 22:30 Uhr mit ihren örtlichen Dienststellen. Danach versammelten sie sich im Hotel âRheinischer Hofâ, um von dort aus weitere Anweisungen fĂŒr Aktionen durchzugeben. Goebbels selbst lieĂ nach Abschluss der Gedenkfeier nachts Telegramme von seinem Ministerium aus an untergeordnete Behörden, Gauleiter und Gestapostellen im Reich aussenden. Diese wiederum gaben entsprechende Befehle an die Mannschaften weiter, in denen es etwa hieĂ (SA-Stelle âNordseeâ):
âSĂ€mtliche jĂŒdische GeschĂ€fte sind sofort von SA-MĂ€nnern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafĂŒr zu sorgen hat, dass keinerlei WertgegenstĂ€nde entwendet werden können. [âŠ] Die Presse ist heranzuziehen. JĂŒdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jĂŒdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur WohnhĂ€user arischer Deutscher zu schĂŒtzen, allerdings mĂŒssen die Juden raus, da Arier in den nĂ€chsten Tagen dort einziehen werden. [âŠ] Der FĂŒhrer wĂŒnscht, dass die Polizei nicht eingreift. SĂ€mtliche Juden sind zu entwaffnen. Bei Widerstand sofort ĂŒber den Haufen schieĂen. An den zerstörten jĂŒdischen GeschĂ€ften, Synagogen usw. sind Schilder anzubringen, mit etwa folgendem Text: âRache fĂŒr Mord an vom Rath. Tod dem internationalen Judentum. Keine VerstĂ€ndigung mit Völkern, die judenhörig sind.â Dies kann auch erweitert werden auf die Freimaurerei.âcite-ref-38[38]
Himmler nahm in der Nacht gemeinsam mit Hitler an einer Vereidigung von SS-AnwĂ€rtern am Odeonsplatz teil und instruierte den Chef der Gestapo-Abteilung fĂŒr Regimegegner, Heinrich MĂŒller. Dieser sandte um 23:55 Uhr ein Telex an alle Leitstellen der Staatspolizei im Reich: Die Sicherheitsdienste sollten sich heraushalten. Sie sollten aber fĂŒr den âSchutzâ des jĂŒdischen Eigentums vor PlĂŒnderung sorgen. Punkt 3 lautete: âEs ist vorzubereiten die Festnahme von etwa 20â30.000 Juden im Reiche. Es sind auszuwĂ€hlen vor allem vermögende Juden. NĂ€here Anordnungen ergehen noch im Laufe dieser Nacht.âcite-ref-39[39] AnschlieĂend erteilte er Heydrich ânĂ€here Anordnungenâ, der diese um 1:20 Uhr seinerseits als Telex an alle Untergebenen sandte. Darin bekrĂ€ftigte er das Verbot zu plĂŒndern, den Schutz fĂŒr NachbargebĂ€ude vor BrĂ€nden und ergĂ€nzte, dass â auch jĂŒdische â AuslĂ€nder nicht zu belĂ€stigen seien. Die Zahl der Festzunehmenden lieĂ er offen:
âSobald der Ablauf der Ereignisse dieser Nacht die Verwendung der eingesetzten Beamten hierfĂŒr zulĂ€sst, sind in allen Bezirken so viele Juden â insbesondere wohlhabende â festzunehmen, als in den vorhandenen HaftrĂ€umen untergebracht werden können.âcite-ref-40[40]
Der Zweck dieser Verhaftungen war es, Gestapo und SS, die durch Goebbelsâ Rede vor vollendete Tatsachen gestellt worden waren, an den Enteignungen partizipieren zu lassen und Geldmittel zur Förderung jĂŒdischer Auswanderung akquirieren.cite-ref-41[41]
Polizei und SS waren offenkundig von den Pogromen ĂŒberrascht worden, die eine Stunde, bevor man sie informiert hatte, begonnen hatten. Darauf deutet nicht zuletzt die Tatsache hin, dass zwei Anordnungen an identische EmpfĂ€nger gesandt wurden, MĂŒllers Telex war offenkundig hastig formuliert worden und musste deshalb durch Heydrichs Schreiben ergĂ€nzt und konkretisiert werden.cite-ref-42[42] Die Leitung der Zerstörungen oblag nicht ihnen, sondern den örtlichen PropagandaĂ€mtern der NSDAP. Sie beriefen die SA-Ortsgruppen ein, die ihre Mitglieder instruierten und in Marsch setzten, um die Befehle auszufĂŒhren. In NĂŒrnberg z. B. wurden sie wie in den meisten deutschen StĂ€dten nach Augenzeugenberichten wie folgt umgesetzt:
âZuerst kamen die groĂen LadengeschĂ€fte dran; mit mitgebrachten Stangen wurden die Schaufenster eingeschlagen, und der am Abend bereits verstĂ€ndigte Pöbel plĂŒnderte unter AnfĂŒhrung der SA die LĂ€den aus. Dann ging es in die von Juden bewohnten HĂ€user. Schon vorher informierte nichtjĂŒdische Hausbewohner öffneten die TĂŒren. Wurde auf das LĂ€uten die Wohnung nicht sofort geöffnet, schlug man die WohnungstĂŒr ein. Viele der âspontanenâ RĂ€cher waren mit Revolver und Dolchen ausgestattet; jede Gruppe hatte die nötigen Einbrecherwerkzeuge wie Ăxte, groĂe Hammer und Brechstangen dabei. Einige SA-Leute trugen einen Brotbeutel zur Sicherstellung von Geld, Schmuck, Fotos und sonstigen WertgegenstĂ€nden, die auf einen Mitnehmer warteten. Die Wohnungen wurden angeblich nach Waffen durchsucht, weil am Tage vorher ein Waffenverbot fĂŒr Juden veröffentlicht worden war. GlastĂŒren, Spiegel, Bilder wurden eingeschlagen, Ălbilder mit den Dolchen zerschnitten, Betten, Schuhe, Kleider aufgeschlitzt, es wurde alles kurz und klein geschlagen. Die betroffenen Familien hatten am Morgen des 10. November meistens keine Kaffeetasse, keinen Löffel, kein Messer, nichts mehr. Vorgefundene GeldbetrĂ€ge wurden konfisziert, Wertpapiere und SparkassenbĂŒcher mitgenommen. Das schlimmste dabei waren die schweren Ausschreitungen gegen die Wohnungsinhaber, wobei anwesende Frauen oft ebenso misshandelt wurden wie die MĂ€nner. Eine Anzahl von MĂ€nnern wurde von den SA-Leuten unter stĂ€ndigen Misshandlungen und unter dem Gejohle der Menge zum PolizeigefĂ€ngnis getrieben. [âŠ] Am anderen Morgen wurden gegen 4 Uhr morgens alle [der zuvor inhaftierten] Personen unter 60 Jahren nach Dachau abtransportiert.âcite-ref-43[43]
Doch nicht nur Synagogen und jĂŒdische GeschĂ€fte wurden zerstört, die Gewalt machte auch vor Kinder- und Altenheimen nicht halt. In Emden wurden die Bewohner eines Altersheims aus ihren Betten geholt, in Nachtkleidung an der brennenden Synagoge vorbeigefĂŒhrt und dann gezwungen, Kniebeugen und andere FreiĂŒbungen zu machen.cite-ref-44[44] Im Zuge der Ausschreitungen und des Chaos, in dem sie stattfanden, wurden zahlreiche Juden ermordet. In Lesum, einem Vorort von Bremen, glaubte zum Beispiel der BĂŒrgermeister und Chef des örtlichen SA-Sturms aufgrund eines Ăbermittlungsfehlers, es sollten alle Juden getötet werden. Die Weitergabe dieses irrigen Befehls fĂŒhrte zur Ermordung eines Lesumer Arztes und seiner Frau.cite-ref-45[45] In Ăsterreich erlaubten SA-Leute einem jungverheirateten Paar nicht, ihr wenige Monate altes Kind bei der Verhaftung mitzunehmen. Das Baby blieb unversorgt in der Wohnung zurĂŒck und starb.cite-ref-46[46] Wie viele Juden bei den Pogromen umkamen, ist nicht sicher zu ermitteln. Das Oberste Parteigericht der NSDAP bezifferte ihre Zahl auf 91. In der Fachliteratur wird sie deutlich höher geschĂ€tzt. Der britische Historiker Richard J. Evans geht davon aus, dass die Zahl der jĂŒdischen Todesopfer der Novemberpogrome, insbesondere wenn man die mindestens 300 aus Verzweiflung begangenen Suizide berĂŒcksichtigt, wahrscheinlich zwischen 1000 und 2000 lag.cite-ref-47[47]
Die Ereignisse der Folgetage
Am 10. November lieĂ Goebbels ĂŒber das DNB die Pogrome als âberechtigte und verstĂ€ndliche Empörung des deutschen Volkes ĂŒber den feigen Meuchelmord an einem Diplomatenâ rechtfertigen. Er verband damit âdie strenge Aufforderung, von allen Demonstrationen und Aktionen gegen das Judentum, gleichgĂŒltig welcher Art, sofort abzusehenâ.cite-ref-48[48] Am selben Tag verbot Rudolf HeĂ in seiner Eigenschaft als âStellvertreter des FĂŒhrersâ in einer Weisung an die Gauleitungen strikt alle weiteren âBrandlegungen an jĂŒdischen GeschĂ€ften oder dergleichenâ.cite-ref-49[49]
Die Pogrome wurden dennoch fortgesetzt. In Ăsterreich begannen sie erst am 10. November; sie verliefen dort noch heftiger. Sie dauerten im ganzen Reich, besonders in lĂ€ndlichen Gebieten, bis in den Nachmittag hinein. In Harburg-Wilhelmsburg etwa begannen die Pogrome erst am Abend des 10. November. Hier wurde die Leichenhalle auf dem JĂŒdischen Friedhof in Brand gesteckt. Die Synagoge wurde geplĂŒndert, blieb aber stehen.cite-ref-50[50] Nationalsozialisten in der Freien Stadt Danzig begannen ihre Angriffe auf die örtlichen Juden sogar erst am 12. November.cite-ref-51[51] In kleineren Orten kam es bis zum 11., vereinzelt sogar bis zum 12. und 13. November noch zu Ausschreitungen.
Die befohlene Trennung von SA-MaĂnahmen und SS-âBegleitschutzâ wurde in vielen Regionen missachtet, zumal der Befehl dazu erst Stunden nach Beginn der Pogrome ausgegeben worden war. In Bensheim, im Bodenseeraum, am Niederrhein, in Oberschlesien und Wien u. a. fĂŒhrten die SicherheitskrĂ€fte die Zerstörungen selbst an; dort wo die Brandstiftung nicht ausreichte, halfen sie mit SprengsĂ€tzen nach.cite-ref-52[52] Die VorgĂ€nge dokumentiert beispielsweise ein Bericht aus Baden-Baden:
âEhe die SS die Synagoge in Brand steckte, zwang sie die MĂ€nner der jĂŒdischen Gemeinde, sich dort zu versammeln. Entgegen dem jĂŒdischen Brauch mussten sie ihre HĂŒte abnehmen. Das Gemeindeglied Herr Dreyfus wurde gezwungen, von der Kanzel herab aus dem nationalsozialistischen Hetzblatt Der StĂŒrmer vorzulesen. Die Gemeinde hatte im Chor zu antworten: âWir sind ein dreckiges, filziges Volk.â Die SS zwang die MĂ€nner, im Gotteshaus Nazilieder zu singen und TurnĂŒbungen vorzufĂŒhren.âcite-ref-53[53]
Direkt im Anschluss an die Zerstörungen begann am 10. November gegen vier Uhr morgens die befohlene Inhaftierung (sogenannte Schutzhaft) von etwa 30.000 mĂ€nnlichen, meist jĂŒngeren und wohlhabenderen Juden. Diese so genannten Aktionsjuden machten rund ein Zehntel der in Deutschland verbliebenen Juden aus.cite-ref-54[54] Sie wurden gesammelt und vielfach in Formation durch die StĂ€dte getrieben.cite-ref-55[55] In den Tagen darauf wurden sie von Gestapo und SS in die drei deutschen Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt, um sie zur Emigration zu nötigen und ihr Vermögen zu arisieren.cite-ref-56[56] Laut Bericht eines Berliner Juden lieĂen die Wachmannschaften beim âHofappellâ, dem nĂ€chtelangen Strammstehen bei EiseskĂ€lte auf dem Lagerplatz, keinen Zweifel daran, dass sie die Insassen dezimieren wollten: âIhr seid nicht in einem Sanatorium, sondern in einem Krematorium. [âŠ] Die SS hat das Recht, auf Euch zu schieĂen, wann sie willâ.cite-ref-57[57]
Die barbarische Behandlung der in das KZ Buchenwald Eingelieferten beschrieb detailliert z. B. der Augenzeuge Eugen Kogon.cite-ref-58[58] Sie mussten etwa im Winter 1938/39 mit bloĂen HĂ€nden den Schnee im Lager rĂ€umen; Notamputationen der erfrorenen GliedmaĂen verweigerte der SS-Lagerarzt: FĂŒr Juden stelle ich nur Totenscheine aus.cite-ref-59[59]
Die Pogrome waren keine Artikulation des âVolkszornsâ, sondern gingen auf die NSDAP und ihre angeschlossenen VerbĂ€nde zurĂŒck. Propagandaminister Goebbels hatte die Mitglieder zwar aufgefordert, in Zivil aufzutreten, doch wurde dies nur teilweise befolgt. Seine Hoffnung, mit den Aktionen eine breite Volksbewegung gegen die Juden auszulösen, erfĂŒllte sich nicht.cite-ref-60[60] Gleichwohl waren durchaus nicht alle, die sich an den Ausschreitungen beteiligten, SA-MĂ€nner: Im Laufe des 10. Novembers, eines normalen Schultags, griffen zahlreiche Jugendliche, die von der Hitlerjugend oder der Schule mobilisiert worden waren, Juden und ihr Eigentum an. Auch viele Unternehmer stachelten ihre Arbeiter zu antisemitischen Ausschreitungen an und beteiligten sich auch selbst daran. Auf den Vandalismus folgten vielerorts spontane PlĂŒnderungen, an denen sich besonders viele Frauen beteiligten. Der Historiker Alan E. Steinweis nennt âdie Bereitschaft Zehntausender Deutscher, Gewalttaten gegen ihre jĂŒdischen Nachbarn zu begehen,â als ErklĂ€rung fĂŒr die reichsweite DestruktivitĂ€t der Pogrome.cite-ref-61[61]
Folgen
Das Treffen im Reichsluftfahrtministerium
Am 12. November trafen sich 100 hochrangige Vertreter des NS-Regimes auf Einladung Görings im Reichsluftfahrtministerium, um in einer vierstĂŒndigen Sitzung das weitere Vorgehen in der Judenpolitik zu besprechen und die Konflikte beizulegen, die innerhalb der nationalsozialistischen Polykratie aufgetreten waren.cite-ref-62[62] Vier der ursprĂŒnglich sieben Teile des Sitzungsprotokolls sind als wortgetreue Kopie erhalten.cite-ref-63[63]
Bereits am 10. November hatte Hitler nach Görings Aussage ihm und Goebbels befohlen, die Juden nun vollends aus der deutschen Wirtschaft auszuschlieĂen. Wie dies geschehen könne, diskutierten die Anwesenden am 12. November 1938. Ein Ergebnis war die Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben, die Göring am selben Tag erlieĂ: Danach sollten alle reichsdeutschen Juden weitgehend enteignet, aus dem Kulturleben entfernt, aus dem Blickfeld der Ăffentlichkeit verbannt und zur Auswanderung gezwungen werden. Das erklĂ€rte Ziel war, das Deutsche Reich âjudenfreiâ zu machen. Die Bestandsaufnahme zeigte, dass ein GroĂteil der zerstörten âjĂŒdischenâ GeschĂ€ftsrĂ€ume und Wohnungen âAriernâ gehörte und von Juden nur gemietet war; die Versicherungsgesellschaften mussten diese SchĂ€den ersetzen. Allein der Glasbruch kostete annĂ€hernd drei Millionen, die gesamten VersicherungsschĂ€den wurden auf 225 Millionen Reichsmark beziffert.cite-ref-64[64]
Göring zeigte sich mit den Pogromen und implizit auch mit Goebbels sehr unzufrieden: â[D]iese Demonstrationen habe ich satt. Sie schĂ€digen nicht den Juden, sondern schlieĂlich mich, der ich die Wirtschaft als letzte Instanz zusammenzufassen habe.âcite-ref-65[65] Goebbelsâ Einwurf, âder Judeâ mĂŒsse den Schaden bezahlen, tat Göring als ökonomisch sinnlos ab: Deutschland habe keine Rohstoffe, weshalb all das Schaufensterglas gegen Devisen im Ausland eingekauft werden mĂŒsse.cite-ref-66[66] Heydrich warf er vor: âMir wĂ€re lieber gewesen, ihr hĂ€ttet 200 Juden erschlagen und hĂ€ttet nicht solche Werte vernichtetâ.cite-ref-67[67] Göring schlug vor, den Juden des Reiches eine Milliarde Reichsmark als âSĂŒhneleistungâ fĂŒr âdie feindliche Haltung des Judentums gegenĂŒber dem deutschen Volkâ abzufordern. Die EntschĂ€digungen der zahlungswilligen Versicherungen sollten direkt an den Staat gehen; betroffene Juden sollten leer ausgehen. Dies hatte Hitler bereits mit Goebbels am 10. November bei einem gemeinsamen Mittagessen in der Osteria Italiana beschlossen, als die Pogrome noch liefen.cite-ref-68[68] Die Idee dieser kollektiven Strafsteuer fĂŒr sie, die nun eine doppelte Enteignung darstellte, stammte aus Hitlers Denkschrift zum Vierjahresplan vom August 1936. Alle Anwesenden stimmten Görings Vorschlag zu, ohne Widerspruch und ohne den Zweck zu diskutieren. Göring bekrĂ€ftigte diesen noch in einer internen Rede am 18. November: âSehr kritische Lage der Reichsfinanzen. Abhilfe zunĂ€chst durch die der Judenschaft auferlegte Milliarde und durch die Reichsgewinne bei der Arisierung jĂŒdischer Unternehmen.â TatsĂ€chlich war die öffentliche Finanzlage im Herbst 1938 katastrophal. Es bestand die reale Möglichkeit, dass das Reich zahlungsunfĂ€hig wurde. Doch mit der âJudenbuĂeâ, die eine schlagartige Erhöhung der Reichseinnahmen um sechs Prozent bedeutete, konnte die Krise ĂŒberwunden werden.cite-ref-69[69] Goebbels versuchte vergeblich, diese âSĂŒhneleistungâ von den Gauleitungen erheben zu lassen. Göring setzte aber durch, dass das Geld nicht der Partei zufloss, sondern allein dem Vierjahresplan. Auch wurde festgelegt, dass es kĂŒnftig keine âwildenâ Aktionen gegen die Juden mehr geben sollte:cite-ref-70[70] Im weiteren Verlauf schlug Goebbels immer neue antisemitische MaĂnahmen vor, wie die Auflösung der Synagogen oder ein Betretungsverbot fĂŒr WĂ€lder und Parks. Göring machte sich offen ĂŒber ihn lustig: Man könne den Juden ja das Betreten einiger WĂ€ldern gestatten, in die man Elche ansĂ€ssig mache, denn beide hĂ€tten Ă€hnliche Nasen.cite-ref-71[71]
Im Ergebnis des Treffens wurde festgelegt, dass fĂŒr die Judenpolitik von nun an nicht mehr die NSDAP zustĂ€ndig sein sollte, sondern die Gestapo. Heydrich verwies auf die guten Erfahrungen, die Eichmann mit seiner Wiener Auswanderungsstelle gemacht habe, und schlug eine Ă€hnliche Einrichtung fĂŒr das ganze Reich vor. Diese solle eine âAuswanderungsaktionâ fĂŒr alle in Deutschland verbliebenen Juden organisieren, fĂŒr die er âmindestens 8 bis 10 Jahreâ veranschlagte. Damit wurde sein in den letzten Jahren entwickeltes Vertreibungskonzept zur offiziellen Politik des NS-Regimes.cite-ref-72[72] Göring drohte âeine groĂe Abrechnung an den Judenâ fĂŒr den Fall eines auĂenpolitischen Konfliktes an.cite-ref-73[73] Hitler plane eine auĂenpolitische Initiative, um den Madagaskarplan umzusetzen, das heiĂt, eine Aussiedlung der deutschen Juden in die französische Kolonie im Indischen Ozean.cite-ref-74[74] Goebbels zeigte sich trotz allem in seinem Tagebuch mit dem Ergebnis hoch zufrieden: âIch arbeite groĂartig mit Göring zusammen. Er geht auch scharf ran. Die radikale Meinung hat gesiegt.âcite-ref-75[75]
Auswirkungen auf die Betroffenen
Von den annĂ€hernd 30.000 verhafteten und deportierten Aktionsjuden wurden nachweislich 10.911 â einschlieĂlich von etwa 4.600 Wienern â ins KZ Dachau, 9.845 ins KZ Buchenwald eingeliefert. FĂŒr das KZ Sachsenhausen schĂ€tzt man mindestens 6.000, eher aber 10.000 Inhaftierte. Die Lagerhaft kostete nochmals Hunderte Menschenleben: In Buchenwald fanden nach Angaben der Lagerverwaltung 207 Juden, in Dachau 185 den Tod, die Opferzahl von Sachsenhausen ist unbekannt. Auch hier wird zusĂ€tzlich eine hohe Dunkelziffer angenommen. Denn bereits bei der Ankunft in den KZs wurden Dutzende Juden erschossen, Hunderte starben bei Fluchtversuchen oder an den Strapazen der Zwangsarbeit in den Lagern. Tausende der Ăberlebenden wurden schwer körperlich verletzt â allein im JĂŒdischen Krankenhaus Berlin mussten spĂ€ter 600 erfrorene GliedmaĂen amputiert werden â und seelisch traumatisiert.cite-ref-76[76]
Die meisten der ĂŒberlebenden Inhaftierten wurden bis August 1939 wieder entlassen, sofern sie sich schriftlich zur âAuswanderungâ bereit erklĂ€rten und ihren Besitz dem Staat ĂŒbereigneten. Die Zahl der AusreiseantrĂ€ge stieg seit dem 9. November 1938 sprunghaft an: Bis Kriegsbeginn verlieĂen noch einmal etwa 200.000 Juden das Reich, mehr als insgesamt von 1933 bis 1938. Sie mussten ĂŒberall im Ausland ein âVorzeigegeldâ nachweisen und konnten ihre Ein- und Ausreisevisa hĂ€ufig nur noch ĂŒber den Schwarzmarkt, durch Kredite von auslĂ€ndischen Verwandten und Beamtenbestechung erlangen.cite-ref-77[77]
Der in Berlin geborene israelische Antisemitismusforscher Avraham Barkai wies 1988 darauf hin, dass fast alle Synagogen im Reich zerstört worden waren; neuere Forschungsarbeiten des Synagogue Memorial haben dies bestĂ€tigt und eine Gesamtzahl von 1.406 vollstĂ€ndig zerstörten Synagogen und Betstuben ermittelt. Von Wiens einst etwa 25 Synagogen ĂŒberstand nur der Stadttempel in der Wiener Innenstadt die Pogrome relativ unbeschadet, fast alle ĂŒbrigen wurden in Brand gesetzt. Die etwa 70 BethĂ€user und -rĂ€ume in der Stadt wurden allesamt verwĂŒstet und teilweise ebenfalls in Brand gesetzt; von Berlins 14 Synagogen wurden 11 vollstĂ€ndig niedergebrannt, die ĂŒbrigen drei schwer demoliert. Zerstört wurden ferner etwa 7.500 jĂŒdische GeschĂ€fte, Wohnungen, GemeindehĂ€user und Friedhofskapellen.
Daraufhin mussten sich viele der jĂŒdischen Kultusgemeinden auflösen; Gottesdienste konnten nur noch privat ohne zeremonielle GegenstĂ€nde stattfinden, da vor allem die wertvollen Torarollen verbrannt oder konfisziert worden waren. Die Gottesdienste wurden nun jedoch meist gut besucht: weniger weil die Frömmigkeit wuchs, sondern weil die Mitglieder sich gegenseitig unterstĂŒtzen mussten, nachdem ihnen jede Existenzgrundlage entzogen, Versammlungen verboten waren und sie die StraĂen nur noch unter Lebensgefahr betreten konnten.cite-ref-78[78]
Die Novemberpogrome zerstörten endgĂŒltig die Hoffnungen der deutschen Juden, in ihrer Heimat ĂŒberleben zu können. Wer irgend konnte, emigrierte. Das Jahr 1939 markiert mit 80.000 Ausgewanderten den Zenit des jĂŒdischen Exodus aus dem NS-Staat. Die ablehnende Haltung der in Frage kommenden AufnahmelĂ€nder, die sich auf der Konferenz von Ăvian gezeigt hatte, Ă€nderte sich durch die Pogrome allerdings nicht. Immerhin gestand GroĂbritannien die Aufnahme von 10.000 jĂŒdischen Kindern und Jugendlichen aus dem Deutschen Reich zu. Sie wurden in Kindertransporten vom Dezember 1938 bis zum 1. September 1939 ĂŒber die Niederlande nach GroĂbritannien gebracht. Die lebensrettende Auswahl oblag den jĂŒdischen Gemeinden, die zwei bis siebzehn Jahre jungen Menschen wurden unterwegs von jĂŒdischen Sozialarbeitern betreut. Sie alle hofften, ihre Eltern bald wiedersehen zu können. In 90 % der FĂ€lle blieb diese Hoffnung vergeblich.cite-ref-79[79]
Reaktionen des Auslands
Etwa 100 Protestnoten auslÀndischer Vertretungen gingen nach dem 10. November 1938 beim AuswÀrtigen Amt in Berlin ein. Demnach waren trotz gegenteiliger Befehle auch auslÀndische Juden unter den Opfern der Pogrome. Die Proteste wurden kommentarlos in die Reichskanzlei weitergeleitet und verschwanden dort in den Akten.cite-ref-80[80]
Besonders scharf reagierten die USA, indem sie ihren Botschafter am 14. November aus Berlin abzogen. In New York City demonstrierte die Stadtbevölkerung fĂŒr die Opfer. Der in Washington, D.C. residierende deutsche Botschafter Dieckhoff berichtete besorgt, dass nun auch Persönlichkeiten, die das NS-Regime bislang nicht angegriffen oder âzum Teil Sympathie fĂŒr Deutschland zur Schau getragen hattenâ, die scharfe Kritik uneingeschrĂ€nkt mittrugen.cite-ref-81[81] Am 3. Dezember protestierte die US-Regierung gegen den Erlass zur Ausschaltung von Juden aus der deutschen Wirtschaft, der entgegen den Versicherungen Joachim von Ribbentrops auch US-BĂŒrger betraf. Daraufhin wurden die zum 31. Dezember geplanten restlichen SchlieĂungen jĂŒdischer Einzelhandels- und Handwerksbetriebe bei auslĂ€ndischen Firmen ausgesetzt; jĂŒdische Auslandsvertreter waren schon am 1. Dezember von der am 12. November beschlossenen âSĂŒhneleistungâ befreit worden, um den noch gĂŒltigen Freundschaftsvertrag mit den USA nicht zu gefĂ€hrden.cite-ref-82[82] Die US-Einreisebehörden durften jedoch weiterhin nur 27.000 von nun 140.000 jĂŒdischen EinreiseantrĂ€gen im Jahr bewilligen.cite-ref-83[83]
In GroĂbritannien bewirkten die Pogrome einen politischen Meinungsumschwung in der Bevölkerung, wĂ€hrend die Regierung verhalten reagierte. Chamberlains Appeasement-Politik galt nun als gescheitert, die Bereitschaft zum Krieg gegen Hitler wuchs. Auch deutschfreundliche Kreise, die MaĂnahmen der Hitlerregierung bislang verteidigt hatten, verstummten.
Die gegen das Deutsche Reich gerichtete Boykottbewegung,cite-ref-84[84] die 1933 als Reaktion auf den Judenboykott entstanden war und zumeist nur jĂŒdische Konsumenten hatte mobilisieren können, erlebte nun einen erheblichen Aufschwung. Viele auslĂ€ndische Unternehmen in Frankreich, GroĂbritannien, Jugoslawien, Kanada, den Niederlanden und den USA kĂŒndigten ihre HandelsvertrĂ€ge mit Deutschland. Manche deutsche Firmen bĂŒĂten ein Viertel ihres ExportgeschĂ€fts ein; auch Betriebe, die fĂŒr die RĂŒstung von Bedeutung waren, erlitten nach Aussage des Wehrwirtschaftsstabes empfindliche Verluste.cite-ref-85[85] Am hĂ€rtesten betroffen waren die Leder-, Textil- und Spielwarenhersteller. Gerade diese Zweige profitierten dann jedoch stark von der Arisierung.
Reaktionen in der NSDAP
Teile der Parteibasis waren von den Pogromen ĂŒberrascht worden und lehnten sie vor allem wegen der distanzierten Haltung Hitlers als âwildeâ und âungesetzlicheâ, das hieĂ vom âFĂŒhrerâ scheinbar nicht gedeckte Aktion ab. Auch Regierungsmitglieder, darunter Göring, Himmler, Heydrich, Funk und Alfred Rosenberg, distanzierten sich und wiesen Goebbels die Alleinverantwortung fĂŒr unvorhersehbare auĂen- und wirtschaftspolitische Folgen zu. Himmler kritisierte noch in der Nacht Goebbelsâ Aktion, die er auf dessen âMachtstrebenâ zurĂŒckfĂŒhrte, als âHohlköpfigkeitâ.cite-ref-86[86] Schon am Vormittag des 10. November warf Göring Goebbels vor, seine Aktion habe aus ökonomischer Ignoranz die âvolkswirtschaftlich unsinnige Zerstörung von Sachwertenâ herbeigefĂŒhrt, die er dem deutschen Staat gern als Raubgut zugefĂŒhrt hĂ€tte.cite-ref-87[87] Himmler und Göring versuchten Hitler davon zu ĂŒberzeugen, Goebbels zu entlassen, doch dieser hielt seinem Propagandaminister die Stange und zeigte durch einen gemeinsamen Theaterbesuch am 15. November seine SolidaritĂ€t.cite-ref-88[88]
Die Gewaltexzesse und PlĂŒnderungen stellten die NSDAP vor Probleme, da sie den offiziell ausgegebenen Befehlen widersprachen und auch manchen Parteimitgliedern zu weit gingen. Daher sollten Parteigerichte âDisziplinlosigkeitenâ untersuchen und gegebenenfalls bestrafen; als âSchöffenâ dieser Verfahren fungierten jene Gauleiter und âGruppenfĂŒhrerâ, die die Pogrome durchgefĂŒhrt hatten.cite-ref-89[89] Im Februar 1939 bestĂ€tigte der geheime Abschlussberichtcite-ref-90[90] von Walter Buch, dem obersten Parteirichter, dass die ausfĂŒhrenden TĂ€ter auf Befehl von Goebbels und der ihm untergebenen versammelten SA-FĂŒhrer am Abend des 9. November gehandelt hatten und deshalb weitgehend entlastet waren. Weil man die VerstöĂe als âVolkszornâ dargestellt habe, sei es folgerichtig, sie nicht durch Staatsgerichte, sondern die Partei selbst zu ahnden. 1939 befand das oberste Parteigericht der NSDAP aber, dass Goebbelsâ âabsichtlich unklareâ Befehlserteilung nicht mehr zeitgemÀà sei. Vor 1933 sei es manchmal sinnvoll gewesen, um gegenĂŒber dem Staatsschutz den wahren Urheber von Aktionen zu verbergen. Das sei nun aber nicht mehr nötig, schlieĂlich wisse jeder, wer hinter den Pogromen stehe: âWenn in einer Nacht sĂ€mtliche Synagogen abbrennen, so muĂ das irgendwie organisiert sein und kann nur organisiert sein von der Partei.âcite-ref-91[91] Im Ergebnis wurden von Dezember 1938 bis Februar 1939 nur dreiĂig Morde vor dem obersten Parteigericht untersucht. Die TĂ€ter blieben straflos oder erhielten nur milde Disziplinarstrafen, keiner wurde aus der Partei ausgeschlossen. Im Anschluss bat das Gericht Hitler, die Schuldigen zu begnadigen, um sie vor weiterer Verfolgung durch staatliche Gerichte zu schĂŒtzen. Dieser kam der Bitte gerne nach. Vier SA-MĂ€nner wurden der ordentlichen Justiz ĂŒberstellt: Sie hatten in der Pogromnacht JĂŒdinnen sexuell belĂ€stigt oder vergewaltigt. Sie wurden nicht deswegen, sondern wegen âRassenschandeâ angeklagt und aus der Partei ausgeschlossen.cite-ref-92[92]
Auf Befehl von Goebbels wies das Reichsministerium der Justiz die StaatsanwĂ€lte an, âkeine Ermittlungen in Sachen der Judenaktion vorzunehmen.â Diese wurden nicht selbstĂ€ndig tĂ€tig, so dass jede unabhĂ€ngige Untersuchung und Strafverfolgung der Verbrechen unterblieb, zumal das Justizwesen seit 1933 zwar formell bestehen blieb, aber bereits durch Notverordnungen nach Artikel 48 des ReichsprĂ€sidenten Paul von Hindenburg einem Polizeistaat gewichen war.cite-ref-93[93]
Reaktionen aus der nichtjĂŒdischen Bevölkerung
Die nichtjĂŒdischen Deutschen reagierten unterschiedlich auf die von SA und SS eingeleiteten und beaufsichtigten Pogrome. Die Deutschland-Berichte der Sopade (Exil-SPD) meldeten, âdass die Ausschreitungen von der groĂen Mehrheit der Bevölkerung scharf verurteilt werden.â Aus vielen Regionen des Reiches wurde berichtet, dass sie auf Scham und Entsetzen gestoĂen seien. Spenden zum Winterhilfswerk seien aus Protest gegen die Pogrome verweigert worden.cite-ref-94[94] Laut der Kommunikationswissenschaftlerin Nadine Deusing ĂŒberwiegen eindeutig die Belege fĂŒr eine kritische Haltung der nichtbetroffenen Deutschen, sei es wegen der Vernichtung von Sachwerten, wegen der VerstöĂe gegen Recht und Ordnung oder wegen des offenkundigen Absinkens der Hemmschwelle zur Gewalt, von der bei nĂ€chster Gelegenheit selber betroffen zu werden viele fĂŒrchteten. An den Tatorten kam es aber so gut wie nie zu offenen Protesten, weil die Menschen Angst hatten.cite-ref-95[95]
Nach Wolfgang Benz erwiesen sich gleichwohl viele nichtjĂŒdische Deutsche als Gaffer, Marodeure und GewalttĂ€ter.cite-ref-96[96] An vielen Orten bildeten sich Mengen von Schaulustigen; gerade in Klein- und MittelstĂ€dten stimmten die âGafferâ in HetzgesĂ€nge der AusfĂŒhrenden ein. An einigen Orten, z. B. Wien, beteiligten sie sich an Zerstörungen und PlĂŒnderungen von GeschĂ€ftsauslagen. In den gröĂeren StĂ€dten wahrten aber manche (innere) Distanz, was in Klein- und MittelstĂ€dten keineswegs der Fall war: Hier beteiligten sich AuĂenstehende direkt mit Denunziationen, so z. B. in Treuchtlingen, wo Frauen dazu aufriefen, bereits drangsalierte Juden erneut zu quĂ€len.cite-ref-97[97]
Besonders in lĂ€ndlichen Regionen und kleineren Ortschaften nahmen die in der Hitlerjugend organisierten Kinder und Jugendlichen hĂ€ufig an Misshandlungen â u. a. SteinwĂŒrfen, Beschimpfungen, Anspucken, DemĂŒtigungen aller Art â teil. Der Nationalsozialistische Lehrerbund fĂŒhrte ihr Mitmachen auf die wirksame Indoktrination an den Schulen zurĂŒck (siehe Erziehung im Nationalsozialismus). Der Historiker Wolfgang Benz konstatiert:
â[D]as Engagement, mit dem der Befehl ausgefĂŒhrt wurde, machte erst die Dimension des Ergebnisses aus. Goebbels hatte an die niedersten Instinkte appelliert und eine Flutwelle von Aggressionen und Vandalismus, Zerstörungsrausch und Mordlust entfesselt, die biedere BĂŒrger und harmlose kleine Leute in Bestien verwandelte.âcite-ref-98[98]
Die örtlichen Feuerwehren und Polizeidienststellen schĂŒtzten fast ĂŒberall befehlsgemÀà nur die NachbargebĂ€ude vor dem Ăbergreifen der gelegten BrĂ€nde und ermöglichten so die ungehinderte Zerstörung und PlĂŒnderung (letzteres wurde durch die NS-Propaganda geleugnet) jĂŒdischen Eigentums.
Nur sehr wenige FĂ€lle von Zivilcourage sind dokumentiert: So rettete Wilhelm KrĂŒtzfeld, Vorsteher des zustĂ€ndigen Polizeireviers in Berlin-Mitte, die Neue Synagoge an der Oranienburger StraĂe, indem er auf den Denkmalschutz des GebĂ€udes verwies, mit einigen Beamten die SA-Brandstifter verjagte und die Feuerwehr holte, die den Brand löschte. AuĂer einer RĂŒge seines Vorgesetzten geschah ihm nichts.cite-ref-99[99]
Am Folgetag wurde in manchen GroĂstĂ€dten zu Massenkundgebungen aufgerufen, die die erfolgte âSĂŒhneâ fĂŒr den Mord an vom Rath feiern und die Einheit von Volk und Partei zeigen sollten. In NĂŒrnberg nahmen daran 100.000 BĂŒrger teil.cite-ref-100[100] Diese âantijĂŒdischen Demonstrationenâ erreichten jedoch nicht das von der NSDAP erwĂŒnschte AusmaĂ. Die meisten Deutschen glaubten die ĂŒber die staatlich gelenkten Medien verbreitete Version von der âspontanen Volkserhebung gegen die Judenâ nicht. Die Berichte der Sopade (Exil-SPD) von 1938 sprach von âgroĂer Empörung ĂŒber diesen Vandalismusâ im Rheinland, in Westfalen, Bayern und Berlin. Besonders in Schlesien und Danzig habe die Bevölkerung die Exzesse scharf abgelehnt und dies auch öffentlich gezeigt.cite-ref-101[101] Auch die Berichte auslĂ€ndischer Diplomaten, die 1938 in Deutschland tĂ€tig waren, gehen in eine Ă€hnliche Richtung. Der britische Generalkonsul in Frankfurt behauptete sogar, die fĂŒr den Pogrom Verantwortlichen wĂ€ren bei demokratischen Wahlen von âeinem Sturm der EntrĂŒstungâ weggefegt worden.cite-ref-102[102]
Laut dem Historiker Wolfgang Benz trafen die Pogrome wegen des brachialen Vorgehens und der Vernichtung ökonomischer Werte auf Ablehnung. In den GroĂstĂ€dten habe es auch Beispiele von SolidaritĂ€t mit den gedemĂŒtigten Juden gegeben, wohingegen in kleinen Orten der Ăbergang von den nationalsozialistischen Aktivisten zum Publikum flieĂend gewesen sei. Hier hĂ€tten sich viele von den Gewalttaten und den PlĂŒnderungen mitreiĂen lassen. Nach den Pogromen sei die verbreitete Haltung der Mehrheit jedoch GleichgĂŒltigkeit und Gier gewesen â in den auf die Pogrome folgenden Wochen habe die Korruption enorm zugenommen, als Partei- und Staatsbedienstete sich an den auswanderungswilligen und zum Verkauf ihrer Firmen genötigten Juden schamlos bereicherten.cite-ref-103[103] Der Historiker Alan Steinweis zitiert aus den Lageberichten des SD, wonach sich die ablehnende Haltung von Augenzeugen nicht allein an der Vernichtung ökonomischer Werte festmachte, sondern an der öffentlichen SchĂ€ndung von GotteshĂ€usern und SakralgegenstĂ€nden. Diese Haltung sei namentlich in der katholischen Bevölkerung nachweisbar gewesen, dĂŒrfe aber nicht mit einer Ablehnung des Regimes oder auch nur seines Antisemitismus verwechselt werden. Zudem verweist Steinweis auf FĂ€lle, in denen öffentliche Kritik an den Pogromen zu PrĂŒgel oder Schutzhaft fĂŒhrte. Daher vermutet er, dass die Empörung ĂŒber die Pogrome tiefer ging und weiter verbreitet war, als selbst fĂŒhrende Nationalsozialisten bemerkten.cite-ref-104[104]
Der ehemalige Kaiser Wilhelm II., von dem ansonsten zahlreiche antisemitische ĂuĂerungen ĂŒberliefert sind, zeigte sich in seinem niederlĂ€ndischen Exil von den Pogromen entsetzt und nannte sie âreines Gangstertumâ bzw. âreinen Bolschewismusâ.cite-ref-105[105] Die ĂuĂerung, er schĂ€me sich âein Deutscher zu seinâ geht laut dem Historiker Stephan Malinowski auf ein gefĂ€lschtes Interview zurĂŒck und wurde von Wilhelm dementiert.cite-ref-106[106]
Die Pogrome bestĂ€rkten diejenigen, die zuvor schon Gegner der NSDAP waren, in ihrer Oppositionshaltung. FĂŒr den Kreisauer Kreis unter Graf Helmuth James von Moltke waren sie im Zweiten Weltkrieg nachtrĂ€glich ein entscheidender AnstoĂ fĂŒr die AttentatsplĂ€ne auf Hitler. Widerstandsgruppen der KPD verbreiteten in Berlin nach den Pogromen eine Ausgabe der Roten Fahne, die unter dem Titel Gegen die Schmach der Judenpogrome zur SolidaritĂ€t mit allen jĂŒdischen MitbĂŒrgern aufrief. Die antisemitischen Ausschreitungen seien kein Ausdruck des âVolkszornsâ, sondern âAblenkung des Volkes von der vom Kapital betriebenen Kriegspolitikâ.cite-ref-107[107] Die Exilzeitschrift Sozialistische Warte des ISK bezeichnete die Pogrome in ihrer Ausgabe vom 18. November in einem mit âRepressalien!â ĂŒberschriebenen Artikel als âTiefstand der Rechtssicherheit in irgend einem Staatswesenâ und als ein âzum Himmel schreiendes Verbrechenâ.cite-ref-108[108]
Reaktionen der Kirchen und einzelner Christen
Die Deutsche Evangelische Kirche (DEK) und die Römisch-katholische Kirche waren im damaligen Deutschen Reich die einzigen nicht völlig gleichgeschalteten GroĂorganisationen. Doch keiner ihrer Vertreter protestierte öffentlich dagegen, dass hier der Staat Menschen nur aufgrund ihrer angeblichen âRasseâ tötete, enteignete und rigoros aus der Gesellschaft ausgrenzte.
In vorauseilendem Gehorsam hatte der spĂ€tere DEK-Bischof Otto Dibelius die ânationale Revolutionâ im Januar 1933 begeistert begrĂŒĂt und den Verdacht einer möglichen kirchlichen Systemopposition bei der Regierung möglichst zu zerstreuen versucht. Schon den Judenboykott des 1. April 1933 hatte er als âNotwehrâ gegen den angeblich ĂŒbergroĂen Einfluss des Judentums verteidigt. Er mahnte damals eine âhumaneâ Ausgrenzung der Juden an,cite-ref-109[109] schwieg dann aber zu sĂ€mtlichen Gewalttaten und judenfeindlichen Gesetzen der Folgezeit.cite-ref-110[110]
Das geschĂ€ftsfĂŒhrende Gremium der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs erklĂ€rte am 16. November 1938 mit Bezug auf ein Lutherzitat:cite-ref-111[111]
âKein im christlichen Glauben stehender Deutscher kann, ohne der guten und sauberen Sache des Freiheitskampfes der deutschen Nation gegen den jĂŒdischen antichristlichen Weltbolschewismus untreu zu werden, die staatlichen MaĂnahmen gegen die Juden im Reich, insbesondere die Einziehung jĂŒdischer Vermögenswerte bejammern. Und den maĂgebenden Vertretern von Kirche und Christentum im Auslande mĂŒssen wir ernstlich zu bedenken geben, daĂ der Weg zur jĂŒdischen Weltherrschaft stets ĂŒber grauenvolle Leichenfelder fĂŒhrt.â
Die Geistlichen wurden dazu aufgerufen, âihre VerkĂŒndigung in Predigt und Seelsorge so auszurichten, daĂ die deutsche Seele keinen Schaden leidet und den deutschen Menschen dazu verholfen wird, daĂ sie ohne falsche Gewissensbeschwerung getrost alles daran setzen, eine Wiederholung der Zersetzung des Reiches durch den jĂŒdischen Ungeist von innen her fĂŒr alle Zeiten unmöglich zu machen.â Der evangelische Landesbischof von ThĂŒringen, Martin Sasse sah in den Pogromen eine ErfĂŒllung von Martin Luthers Forderungen von 1543:
âAm 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird [âŠ] die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgĂŒltig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des FĂŒhrers zu völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der gröĂte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.cite-ref-112[112]â
Nur einzelne Christen protestierten öffentlich. Der wĂŒrttembergische Dorfpfarrer Julius von Jan aus Oberlenningen predigte am BuĂ- und Bettag (16. November 1938) ĂŒber den vorgegebenen Bibeltext Jer 22,29 :
âDie Leidenschaften sind entfesselt, die Gebote missachtet, GotteshĂ€user, die andern heilig waren, sind ungestraft niedergebrannt worden, das Eigentum der Fremden geraubt oder zerstört. MĂ€nner, die unserem deutschen Volk treu gedient haben [âŠ], wurden ins KZ geworfen, bloĂ weil sie einer anderen Rasse angehörten! Mag das Unrecht auch von oben nicht zugegeben werden â das gesunde Volksempfinden fĂŒhlt es deutlich, auch wo man darĂŒber nicht zu sprechen wagt. Und wir als Christen sehen, wie dieses Unrecht unser Volk vor Gott belastet und seine Strafen ĂŒber Deutschland herbeiziehen muss. [âŠ] Gott lĂ€sst seiner nicht spotten. Was der Mensch sĂ€et, wird er auch ernten!âcite-ref-113[113]
Einige Tage danach lieĂ die NSDAP-Kreisleitung NĂŒrtingen SA und SS aus dem dortigen Parteikreis mit Lastwagen und Omnibus zu dem âJudenknechtâ nach Oberlenningen transportieren, die von Jan vor seinem Pfarrhaus fast totprĂŒgelten und dann in âSchutzhaftâ nahmen.cite-ref-114[114] Bischof Theophil Wurm leistete ihm in den folgenden Prozessen wegen âstaatsfeindlicher Hetzeâ Rechtsbeistand, schrieb aber zugleich an den Reichsjustizminister:cite-ref-115[115]
âIch bestreite mit keinem Wort das Recht, das Judentum als ein gefĂ€hrliches Element zu bekĂ€mpfen. [âŠ] Weil wir unserem Volk ersparen möchten, dass es spĂ€ter dieselben Leiden und DemĂŒtigungen ĂŒber sich ergehen lassen muss, denen jetzt andere preisgegeben sind, erheben wir [âŠ] warnend unsere HĂ€nde, auch wenn wir wissen, dass man uns deshalb Judenknechte schilt und mit Ă€hnlichem Vorgehen bedroht, wie es gegen die Juden angewandt worden ist.â
Wurm vermied also, das staatliche Vorgehen âUnrechtâ zu nennen und trat nur fĂŒr die Christen, nicht die Juden unter den Deutschen ein. Nach Kriegsende erklĂ€rte er: Er werde wohl bis an sein Lebensende nicht damit fertigwerden, dass er damals geschwiegen habe.cite-ref-116[116]
Dagegen ergriff Pfarrer Helmut Gollwitzer als Vertreter des im KZ sitzenden Martin Niemöller in Berlin-Dahlem in seiner Predigt am 16. November ĂŒber Lk 3,3â14 Partei fĂŒr die Wehrlosen und erreichte, dass seine Gemeinde die Familienangehörigen von inhaftierten Juden materiell unterstĂŒtzte. Nach seiner BuĂtagspredigt schrieb Elisabeth Schmitz an ihn: âAls wir am 1. April 1933 schwiegen, als wir schwiegen zu den StĂŒrmerkĂ€sten, zu der satanischen Hetze in der Presse, zur Vergiftung der Seele des Volkes und der Jugend, zur Zerstörung der Existenzen und der Ehen durch sogenannte 'Gesetze', zu den Methoden von Buchenwald â da und tausendmal sonst sind wir schuldig geworden am 10. November 1938.âcite-ref-117[117]
Christen wie Pfarrer Albert Schmidt, der fĂŒr seinen nach Sachsenhausen deportierten Kollegen jĂŒdischer Herkunft Hans Ehrenberg gebetet hatte, kamen fĂŒr ihre SolidaritĂ€t selbst in das KZ. In Freiburg im Breisgau bildete sich aufgrund der Pogrome der Freiburger Kreis mit mehreren Arbeitsgruppen und Kontakten zu WiderstandskĂ€mpfern gegen den Nationalsozialismus. Einige seiner Mitglieder verfassten eine Denkschrift, welche die im christlichen Glaubensbekenntnis gesetzten Grenzen staatlicher GewaltausĂŒbung benannte, aus dem Ersten Gebot ein Widerstandsrecht ableitete und Wirtschaftsstrukturen eines demokratischen Nachkriegsdeutschlands konzipierte.cite-ref-118[118] Der evangelische Pfarrer Julius von Jan bezeichnete die Geschehnisse als âVerbrechenâ und âUnrechtâ. Er wurde zusammengeschlagen, verurteilt und inhaftiert, wĂ€hrend seine Kirchenleitung sich offen von seiner Predigt distanzierte.cite-ref-j256-119-0[119]
Das Schweigen der allermeisten evangelischen Pfarrer erklĂ€rt Kirchenhistoriker GĂŒnter Brakelmann mit ihrer deutschnationalen und antijudaistischen Einstellung, aus der heraus sie den autoritĂ€ren FĂŒhrerstaat, seine Innenpolitik und den Antisemitismus der NSDAP seit 1933 grundsĂ€tzlich bejaht hatten. 1938 hĂ€tten sie nicht mehr gewagt, zu protestieren, um ihre verbliebenen HandlungsspielrĂ€ume nicht zu gefĂ€hrden.cite-ref-120[120]
Auch die deutschen katholischen Bischöfe schwiegen zur staatlichen Judenverfolgung. Kardinal Adolf Bertram hatte Protest gegen den Judenboykott im MĂ€rz 1933 als einen âin kirchlicher Hinsicht nicht nahestehenden Interessenkreisâ abgelehnt. Kardinal Michael Faulhaber vertrat die traditionelle antijudaistische Theologie und erklĂ€rte 1933: Die Juden könnten sich selbst helfen und Eintreten fĂŒr sie wĂŒrde die Kirche gefĂ€hrden.cite-ref-121[121] Er stellte aber 1938 auf Bitte des Rabbiners in MĂŒnchen einen Lastwagen zur Rettung von Torahrollen und anderen sakralen GegenstĂ€nden zur VerfĂŒgung und wurde deswegen von NSDAP-Vertretern angegriffen.cite-ref-122[122] Clemens August Graf von Galen bot dem Rabbiner in MĂŒnster am 9. November ĂŒber MittelsmĂ€nner Hilfe an, unterlieĂ aber einen Protest, weil er umso stĂ€rkere Verfolgung der jĂŒdischen Gemeinde vor Ort befĂŒrchtete.cite-ref-123[123] Auch er war vom Antijudaismus geprĂ€gt, widersprach jedoch dem staatlichen Antisemitismus.cite-ref-124[124]
Im katholischen Cloppenburg predigte der Kaplan Ernst Henn gegen den âStraĂenraubâ.cite-ref-j256-119-1[119] Dompropst Bernhard Lichtenberg in Berlin predigte am 9. November, auch die brennenden Synagogen seien GotteshĂ€user. Er setzte seine FĂŒrbitten fĂŒr die Juden und (ânichtarischeâ) Judenchristen von da an tĂ€glich bis zu seiner Verhaftung am 23. Oktober 1941 fort.cite-ref-125[125]
Das Schicksal des AttentÀters
â
Hauptartikel
:
Herszel Grynszpan
Bereits am 11. November begannen im Reichspropagandaministerium VorĂŒberlegungen zu einem Prozess gegen Herszel Grynszpan, der in Frankreich in Haft saĂ. Die dortigen Ermittlungen ergaben keinerlei Hinweise auf HintermĂ€nner oder irgendeine Verschwörung. Zu einem Prozess in Paris kam es wegen des Einmarschs der Wehrmacht nicht mehr. Nach der französischen Niederlage wurde Grynszpan am 14. Juli 1940 nach Deutschland ausgeliefert. Dort sollte ihm der Prozess vor dem Volksgerichtshof gemacht werden, wobei die Todesstrafe von vornherein feststand.cite-ref-126[126] Aus welchem Motiv er gehandelt hatte, ist bis heute nicht genau bekannt. Im Verhör gab er âRacheâ fĂŒr das Leiden seiner Eltern bei deren gewaltsamer Abschiebung an. Er habe eigentlich den Botschafter erschieĂen wollen, dann aber vom Rath getroffen. 1942 sagte er aber aus, er habe sein Opfer zuvor in der Pariser Homosexuellenszene kennengelernt. Daraufhin lieĂ Propagandaminister Joseph Goebbels den jahrelang geplanten Schauprozess gegen ihn verschieben. SchlieĂlich sagte Hitler den Prozess ganz ab.cite-ref-127[127] WĂ€re der homosexuelle Hintergrund des Mordes den Nationalsozialisten bereits 1938 bekannt gewesen, hĂ€tte er, wie der Historiker Henning Köhler vermutet, kaum Aufsehen erregt.cite-ref-128[128] Grynszpan wurde vermutlich zwischen 1942 und dem Kriegsende 1945 im KZ Sachsenhausen umgebracht.cite-ref-129[129]
Weitere Schritte in der Judenpolitik
Göring ordnete noch am selben Tag als âharte SĂŒhneâ fĂŒr die Juden an:
⹠das Verbot von EinzellÀden, Gewerbe- und Handwerksbetrieben, VersandgeschÀften, Bestellkontoren,
âą das Verbot von MĂ€rkten, Messen, Ausstellungen, Werbung, Bestellannahmen,
âą das Verbot, Mitglied einer Berufsgenossenschaft zu sein,
âą die Verordnung zur Wiederherstellung des StraĂenbildes bei jĂŒdischen Gewerbebetrieben, nach welcher
âą Juden die vom 8. bis 10. November entstandenen SchĂ€den im StraĂenbild auf eigene Kosten sofort zu beseitigen hĂ€tten, und dass
âą VersicherungsansprĂŒche von Juden deutscher Staatsangehörigkeit zugunsten des Deutschen Reichs beschlagnahmt werden.cite-ref-130[130]
Die sogenannte âSĂŒhneleistungâ oder âJudenbuĂeâ sollte innerhalb eines Jahres in vier Quartalsraten aufgebracht werden. Die erste Rate wurde am 15. Dezember 1938, die letzte am 15. August 1939 fĂ€llig. Jeder jĂŒdische BĂŒrger, der mehr als 5.000 Reichsmark Vermögen besaĂ, musste davon 20 Prozent als âJudenvermögensabgabeâ an den Staat abgeben. Zugleich wurde den Juden verboten, Staatsanleihen zu verkaufen. Sie mussten die SĂŒhneleistung also durch Verkauf von Immobilien, Schmuck, KunstgegenstĂ€nden oder Sparguthaben aufbringen. Damit sollte das Staatsdefizit kurzfristig zur HĂ€lfte gedeckt werden. Eine zweite DurchfĂŒhrungsverordnung legte eine fĂŒnfte Zahlung zum 15. Dezember 1939 fest, so dass insgesamt 25 Prozent des Vermögens abgegeben werden mussten. Die Summe von insgesamt 1.126.612.495,00 Reichsmark erhöhte das damalige Steueraufkommen des Reiches von 16 auf ĂŒber 17 Milliarden um gut sechs Prozent.
Bereits am 10. November wurde den Juden Waffenbesitz verboten.cite-ref-131[131] Es folgten Verbote der Teilnahme am Kulturleben, des Besuches von Theatern, Kinos, Tanzvarietees, Kabarett, Zirkus usw. Am 14. November ordnete Reichserziehungsminister Bernhard Rust die sofortige Entlassung jĂŒdischer SchĂŒler aus deutschen Schulen an. Von den Hochschulen waren sie zuvor schon verbannt worden. Am 28. November wurde den Regierungsbezirken erlaubt, Juden den Zutritt bestimmter Ortsbereiche zu bestimmten Zeiten zu verbieten. Sie konnten nun auch optisch fĂŒr die restliche Bevölkerung âverschwindenâ, noch bevor sie deportiert wurden.
Am 3. Dezember erfolgte die Verordnung ĂŒber den Einsatz des jĂŒdischen Vermögens, die von Hugo Dietrich, dem Hausjuristen des Flick-Konzerns, ausgearbeitet worden war. Darin wurde allen Juden vorgeschrieben, ihre Gewerbebetriebe zu verkaufen oder abzuwickeln, ihren Grundbesitz zu verĂ€uĂern und ihre Wertpapiere bei einer Devisenbank zu hinterlegen. AuĂerdem durften sie Juwelen, Edelmetalle und KunstgegenstĂ€nde nicht mehr frei verĂ€uĂern. Damit wurde es auch wohlhabenden Juden nahezu unmöglich gemacht, noch auszuwandern. In den Folgejahren wurden diese MaĂnahmen prĂ€zisiert und radikalisiert, um Juden jegliche Existenzgrundlage in Deutschland zu nehmen. Dies wurde vom Regime ausgenutzt, um den verbleibenden und nunmehr arbeitslosen Juden Zwangsarbeit aufzuerlegen: Am 20. Dezember 1938 veröffentlichte Friedrich Syrup, der PrĂ€sident der Reichsanstalt fĂŒr Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung einen Erlass, wonach Juden in âstaatspolitisch wichtigen Vorhabenâ, das heiĂt, in der RĂŒstungsindustrie, streng getrennt von der regulĂ€ren Belegschaft im geschlossenen Arbeitseinsatz ausgebeutet werden konnten. FĂŒr die Organisation waren die lokalen ArbeitsĂ€mter zustĂ€ndig. Damit sich kein Jude dem entziehen konnte, wurde die seit 1935 bestehende Erfassung aller Juden in einer Judenkartei vervollkommnet, manche Verwaltungen legten eigene Judenregister an.cite-ref-132[132]
Am 24. Januar 1939 erteilte Göring Heydrich zunĂ€chst den Auftrag, die âJudenfrageâ durch âAuswanderung oder Evakuierungâ zu lösen. Dazu grĂŒndete und leitete Heydrich dann die âReichszentrale fĂŒr jĂŒdische Auswanderungâ. Seit Kriegsbeginn machte man diese den Juden jedoch Schritt fĂŒr Schritt unmöglich: Nun begann die Zwangsumsiedlung in âJudenhĂ€userâ. Zugleich wurden die ghettoisierten Juden immer stĂ€rker in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschrĂ€nkt und aus der Ăffentlichkeit verbannt. Ihre Einkaufszeiten wurden auĂerhalb der sonst gĂŒltigen GeschĂ€ftszeiten gelegt. Ihr Ausgang wurde zeitlich begrenzt. Nach den PKWs wurden auch ihre FahrrĂ€der, ElektrogerĂ€te und Wollkleidung konfisziert. Die Benutzung von StraĂenbahnen, Omnibussen, Telefonen, das Betreten von KrankenhĂ€usern, der Kauf von Zeitungen, BĂŒchern, Blumen, bestimmten Lebensmitteln wurden ihnen verboten, ihre Lebensmittelzuteilungen wurden mehrfach gesenkt. Zur öffentlichen Brandmarkung mussten sie ab dem 1. September 1941 den âJudensternâ tragen, der schon 1938 erwogen worden war.
Wiederum am 9. November jenes Jahres erhielten tausende Juden Berlins, Frankfurt am Mains und MĂŒnchens erstmals den behördlichen Befehl, ihre Wohnungen zu rĂ€umen und sich zur Deportation an den VersammlungsplĂ€tzen und Bahnhöfen einzufinden. Diese massenhafte âEvakuierungâ in Lager war an den 1938 in die KZs Verschleppten bereits vorexerziert worden. Von nun an rollten die ZĂŒge ins Baltikum zu den dortigen Todesschwadronen, spĂ€ter nach Chelmno und in die noch nicht fertiggestellten Arbeits- und Vernichtungslager auĂerhalb der Vorkriegsgrenzen Deutschlands.
Umgang mit den Verbrechen nach 1945
Strafrechtliche Ahndung
Kurz nach Kriegsende hoben die BesatzungsmĂ€chte die VerjĂ€hrungsfristen fĂŒr Delikte wie Landfriedensbruch, Hausfriedensbruch, Körperverletzung, Diebstahl, Brandstiftung, SachbeschĂ€digung und Nötigung auf. Zugleich wurden die deutschen Strafverfolgungsbehörden angewiesen, gegen TĂ€ter der Pogrome zu ermitteln und Anklage zu erheben.
Die Delikte der Novemberpogrome wurden tatsÀchlich vergleichsweise umfassend verfolgt. Die strafrechtliche Ahndung zog sich jedoch in den Westzonen bzw. der Bundesrepublik noch bis 1955 hin. Dabei lÀsst sich an den Gerichtsverfahren eine Entwicklung zu immer milderen Urteilen und wachsenden Schwierigkeiten bei der TataufklÀrung ablesen.
Der ehemalige Gauleiter von Hamburg Karl Kaufmann sagte als Zeuge vor dem Internationalen MilitĂ€rgerichtshof in NĂŒrnberg 1946 falsch aus, er hĂ€tte den Novemberpogrom in Hamburg verboten. TatsĂ€chlich gingen die Zerstörungen der SA-Kommandos in Hamburg nach demselben Muster vonstatten wie andernorts.cite-ref-133[133]
In einer ersten Phase bis zum Jahre 1947 war die Gerichtsbarkeit personell unterbesetzt und konnte nur eine Minderheit der TĂ€ter aburteilen, doch waren fast alle neu eingesetzten oder im Amt belassenen Richter unbelastet. Die Gerichte verwarfen die Ausrede des âBefehlsnotstandesâ unter Hinweis auf das Deutsche Beamtengesetz von 1937, das die Verweigerung eines verbrecherischen Befehls erlaubt hĂ€tte. Meist wurde der Begriff der RĂ€delsfĂŒhrerschaft vom Gericht weit ausgelegt, so dass dem SA-FĂŒhrer oder NS-Amtswalter die bloĂe Anwesenheit am Tatort straferschwerend angerechnet wurde. Oft wurde in solchen FĂ€llen auf âschweren Landfriedensbruchâ erkannt, der Zuchthausstrafen nach sich zog.
WĂ€hrend einer zweiten Phase zwischen 1948 und 1949 machte sich in der Bevölkerung ein Stimmungswandel bemerkbar. Die Entnazifizierung wurde als ungerecht empfunden und war geradezu verhasst; die Aufgabe der VergangenheitsbewĂ€ltigung wurde als weniger wichtig eingestuft, und eine âSchlussstrich-MentalitĂ€tâ war unverkennbar. Dies schlug sich in den Aussagen von Zeugen nieder, denen öfter die Bereitschaft zu objektiver Mitwirkung fehlte. WĂ€hrend TĂ€ter in der ersten Phase von der Anklage ĂŒberrascht wurden, in Untersuchungshaft keine Möglichkeit zu Absprachen hatten und gestĂ€ndig waren, konnten TĂ€ter sich nun vorher absprechen und Zeugen beeinflussen. Die âVerurteilungsquoteâ sank deutlich. Meist wurden SA-FĂŒhrer jetzt nur wegen âeinfachen Landfriedensbruchsâ zu GefĂ€ngnisstrafen verurteilt. Die durchschnittliche Strafzumessung fĂŒr schweren Landfriedensbruch sank in dieser Phase von 24 Monaten auf 16 Monate. Auch die Strafen fĂŒr Körperverletzung oder SachbeschĂ€digung fielen nun deutlich milder aus.
Die dritte Phase der strafrechtlichen Behandlung der Novemberpogrome begann mit dem am 31. Dezember 1949 in Kraft getretenen âGesetz ĂŒber die GewĂ€hrung von Straffreiheitâ,cite-ref-134[134] das der Bundestag gegen die Bedenken des Hochkommissars John Jay McCloy erlieĂ. Das bayerische Staatsministerium der Justiz protestierte im Gesetzgebungsverfahren ausdrĂŒcklich aus dem Grund, dass die Amnestie auch âdie Mehrzahlâ der TĂ€ter der Novemberpogrome von 1938 straffrei stellen wĂŒrde.cite-ref-135[135] Mit dem Straffreiheitsgesetz wurden sĂ€mtliche vor dem 15. September 1949 begangenen Straftaten (mit Ausnahme von Steuerdelikten) amnestiert, fĂŒr die auf nicht mehr als sechs Monate, unter bestimmten UmstĂ€nden sogar auf bis zu ein Jahr Freiheitsstrafe erkannt worden war bzw. voraussichtlich erkannt werden wĂŒrde, wenn die Tat noch nicht abgeurteilt war. Dieses politische Signal wurde von der Richterschaft, die inzwischen wieder belastete ehemalige Nationalsozialisten in ihren Reihen hatte, nicht ĂŒberhört. Mehrere Verfahren wurden eingestellt, zu einer Anklageerhebung kam es deutlich seltener und lediglich die FĂ€lle von schwerem Landfriedensbruch wurden noch regelmĂ€Ăig vor Gericht abgeurteilt.
Bezeichnungen
Die Ereignisse wurden bereits 1938 von TĂ€tern, Augenzeugen und Betroffenen sehr verschieden bezeichnet. Seit ihrem 50. Jahrestag 1988 wurde der verbreitete Ausdruck â(Reichs-)Kristallnachtâ zunehmend problematisiert. Die Debatte um die angemessene Bezeichnung ist offen.
Zeitgenössische Bezeichnungen
Die in die Konzentrationslager verschleppten Opfer sprachen von der âRath-Aktionâ oder der âMordwocheâ. Victor Klemperer schrieb in sein Tagebuch von der âGrĂŒnspan-AffĂ€reâ. Walter Tausk fĂŒhlte sich an die âBartholomĂ€usnachtâ erinnert. Viele Augenzeugen der Pogrome erinnerten sich an damals umlaufende AusdrĂŒcke wie âGlasnachtâ, âGlĂ€serner Donnerstagâ und âKristallnachtâ, die auf die an diesem Tag zersplitterten Fensterscheiben jĂŒdischer HĂ€user anspielten. Diese Bezeichnungen scheinen aber nur mĂŒndlich tradiert worden zu sein, denn schriftliche Belege fĂŒr Kristallnacht aus der Zeit des Nationalsozialismus gibt es keine, fĂŒr Reichskristallnacht nur einen: Der Ministerialdirektor im Reichsarbeitsministerium Wilhelm Börger spottete am 24. Juni 1939 in einer Rede auf dem Gautag des NSDAP-Gaus Hannover-Ost in LĂŒneburg unter dem GelĂ€chter seiner Zuhörer: âAlso die Sache geht als Reichskristallnacht in die Geschichte ein [âŠ], Sie sehn, das ist humoristisch erhoben, nicht wahrâ.cite-ref-136[136] âReichskristallnachtâ war jedoch kein staatliches Propagandawort. Wahrscheinlich prĂ€gte der Berliner Volksmund die Wortschöpfung Kristallnacht angesichts der vielen zerbrochenen Fenster und Kristallleuchter der Synagogen und GeschĂ€fte. Der Ausdruck Reichskristallnacht wandte sich dann gegen die damaligen Machthaber, indem er ihren inflationĂ€ren Gebrauch der Vorsilbe Reichs- verspottete. Diese regimekritische Bedeutung ist nicht schriftlich belegt, wurde spĂ€ter aber von Zeitzeugen bestĂ€tigt. Adolf Arndt (SPD), der im November 1938 in Berlin als Rechtsanwalt tĂ€tig war, sagte in der VerjĂ€hrungsdebatte des Deutschen Bundestages vom 10. MĂ€rz 1965 zu seinem Vorredner Ewald Bucher: â[D]en 8./9. November 1938, den man doch nicht, Herr Bundesjustizminister, als âsogenannte Reichskristallnachtâ bezeichnen sollte. Das ist ein blutiger Berliner Witz gewesen, weil man sich damals nicht anders zu helfen wusste.âcite-ref-137[137]
Die Zeitungen der Exil-SPD und der Untergrund-KPD nannten die Ereignisse âJudenpogromeâ. TĂ€ter der SA und HJ sprachen wie bei den Röhm-Morden von einer âNacht der langen Messerâ.cite-ref-138[138] Diesen Ausdruck hörten Opfer als GerĂŒcht ĂŒber eine ihnen bevorstehende Racheaktion schon im Vorfeld. Die Dienststellen des NS-Regimes und die vom Reichspropagandaministerium gelenkten Medien benutzten PropagandaausdrĂŒcke wie âJudenaktionâ, âNovemberaktionâ, âVergeltungsaktionâ oder âSonderaktionâ. Die angeordneten Versammlungen des Folgetages nannten sie âantijĂŒdische Demonstrationenâ oder âgerechte Vergeltungskundgebungenâ.
Bezeichnungen nach 1945
In Texten der ersten Nachkriegsjahre finden sich AusdrĂŒcke wie âJudennachtâ, âKristallnachtâ, âNovemberpogromâ, âNovembernachtâ, âPogromnachtâ, âTag der (deutschen) Scherbeâ, âReichsscherbenwocheâ, âReichskristalltagâ, â(Reichs-)Kristallwocheâ, âReichstrĂŒmmertagâ, âSynagogenbrandâ, âSynagogensturmâ, âSynagogenstĂŒrmernachtâ, âVerfolgungswocheâ.
In der DDR wurden die Ereignisse in der Regel âfaschistische Pogromnachtâ genannt. In der Bundesrepublik setzten sich âKristallnachtâ (Brockhaus 1952) und âReichskristallnachtâ durch. Diese werden bis heute sowohl umgangssprachlich als auch lexikalisch verwendet, auch in anderen LĂ€ndern und unter Historikern, jedoch meist mit kritischer Distanz, angedeutet durch AnfĂŒhrungszeichen.
Da der Ausdruck widersprĂŒchliche Mitbedeutungen anklingen lĂ€sst, die nur Kenner seiner Entstehung verstehen, stieĂ er schon frĂŒh besonders bei den Opfernachfahren auf Kritik und Ablehnung. So befĂŒrchtete die âNotgemeinschaft der durch die NĂŒrnberger Gesetze Betroffenenâ am zehnten Jahrestag 1948:cite-ref-freitag-139-0[139]
âEhe es soweit ist, dass sich dieses falsche Wort im allgemeinen Sprachgebrauch so eingebĂŒrgert hat, dass es nicht mehr wegzubringen ist, möchten wir darauf hinweisen, welche Entstellung mit der Benutzung dieses Wortes verbunden ist. Das Wort âKristallnachtâ ist nicht von den frĂŒher Verfolgten erdacht und in den Sprachgebrauch gebracht worden.â
Dennoch wurde der Ausdruck öffentlich und fachlich ĂŒblich, weil er die unausgesprochenen WidersprĂŒche griffig zusammenfasste:
âą âReichs-â als Hinweis auf das propagandistisch bemĂ€ntelte Regierungsverbrechen, das alle BĂŒrger einbezog,
âą âKristall-â als ironische Beschönigung fĂŒr die Zerstörung von menschlichem GlĂŒck, Leben, Eigentum, Miteinander,
âą âNachtâ als Metapher fĂŒr die politische Finsternis, die sich bis 1945 fortsetzte und ins Ungeheure steigerte.
1982 parallelisierte die Rockband BAP in ihrem Rocksong Kristallnaach die Novemberpogrome mit problematischen Aspekten der Gegenwart und erhob sie so âzu einer Metapher fĂŒr jede Art von unmenschlichem Verhaltenâ. Damit trug sie zu einer Historisierung des Nationalsozialismus bei und verkĂŒrzte die Ursachen der Pogrome im Sinne eines unterkomplexen Antikapitalismus.cite-ref-140[140]
Seit 1988 intensivierte sich die Bezeichnungsdebatte. Entstehung und regimekritischer Sinn des Ausdrucks Reichskristallnacht geriet weithin in Vergessenheit. Er wirkte nur noch zynisch gegenĂŒber den Opfern und Ăberlebenden, als wĂ€ren damals nur Fensterscheiben zu Bruch gegangen. So verlangte etwa Avraham Barkai 1988, die Bezeichnung mĂŒsse aus der Geschichtsschreibung verschwinden, weil sie böswillig-verharmlosend sei und Assoziationen an ein Fest erwecke.cite-ref-141[141]
Heutige Bezeichnungen
Heute wird die Bezeichnung Kristallnacht als euphemistisch empfunden. Die Alternativbegriffe sind laut dem Germanisten Ole Löding aber ebenfalls problematisch.cite-ref-l-ding-327-142-0[142] Die seit der Mitte der 1980er Jahre von Politik und Medien öfter verwendete Bezeichnung Reichspogromnacht fördert Kritikern zufolge die notwendige VergangenheitsbewĂ€ltigung nicht, sondern tĂ€uscht sie eher als erledigt vor. Dass die Umbenennung nur im deutschen Sprachraum stattfand, könne den Austausch mit anderssprachiger Forschung und auslĂ€ndischer Literatur erschweren. Die Bezeichnung als âPogromâ stellt die Aktionen lokalen und regionalen Massakern an Juden seit dem Mittelalter an die Seite, erfasst aber nicht ihre Organisation durch eine Staatsregierung fĂŒr ein ganzes Staatsgebiet, die eine landesweite Enteignungs-, Deportations- und Vernichtungspolitik einleitete. Dies kann dazu beitragen, den Holocaust zu verharmlosen.cite-ref-143[143] Zudem undifferenziert auf das Reich abhebe, als ob es vom mittelalterlichen Heiligen Römischen Reich bis zum Dritten Reich eine KontinuitĂ€t gĂ€be. Immerhin deute er mit dem metaphorischen Wortbestandteil Nacht die Verdunkelung von Menschlichkeit und Vernunft an.cite-ref-l-ding-327-142-1[142] Zudem stellt die Vorsilbe Reichs-, die sich in zahlreichen Wendungen der Zeit finde, nach Wolfgang Benz âeine nachtrĂ€gliche Referenz an die Sprache des Unmenschenâ dar. Die Bezeichnung Reichspogromnacht sei unhistorisch und verhöhne unbeabsichtigt die Opfer.cite-ref-144[144]
Einige neuere historische Untersuchungen bevorzugen deshalb die Bezeichnung Novemberpogrom(e). Sie soll emotionale Assoziationen vermeiden und so einen sachlichen RĂŒckblick auf das Geschehen fördern. Monatsangabe und Plural deuten die lĂ€ngere Dauer der Ausschreitungen und der folgenden KZ-Inhaftierungen an. Sie gilt als die am wenigsten problematische Bezeichnung.cite-ref-l-ding-327-142-2[142] Gleichwohl wird Reichskristallnacht weiterhin gebraucht. Der Politologe Harald Schmid wies auf die Dialektik des Begriffs hin: Er sei einerseits als internationales Fachwort fĂŒr Historiker unaufgebbar, andererseits verbiete sich eine distanzlose Ăbernahme wegen der komplexen Mitbedeutungen. Schmid folgerte daraus:
âDoch das Wort bleibt auch ein nĂŒtzlicher sprachlicher Stolperstein. Denn die scheinbar bloĂ etymologische und semantische Kontroverse fĂŒhrt geradewegs zum GesprĂ€ch ĂŒber die ganze NS-Vergangenheit, den kritischen Umgang mit ihr und das BemĂŒhen um moralische Genauigkeit â auch in der heutigen Benennung politischer Verbrechen.âcite-ref-freitag-139-1[139]
Kommunales Gedenken
Besonders in einigen deutschen und österreichischen StÀdten, in denen bis 1938 eine intakte Synagoge stand, wird jÀhrlich am 9. November der Pogrome gedacht. Die Form dieser Erinnerung hat sich seit 1945 erheblich gewandelt.
Bis 1958 waren meist lokale jĂŒdische Gemeinden die HaupttrĂ€ger der Veranstaltungen, oft unterstĂŒtzt von anderen Opfergruppen wie der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), gewerkschaftlichen und auĂerparlamentarischen Oppositionsgruppen. Sie wandten sich gemeinsam z. B. gegen neue antisemitische Tendenzen, zu langsame und mangelnde Bestrafung nationalsozialistischer Verbrechen und unzureichende Wiedergutmachung.
Seit 1963 wurde der 9. November in den meisten betroffenen Orten regelmĂ€Ăig als Gedenktag an die âKristallnachtâ unter dem Motto âAls die Synagogen branntenâ begangen. Im Vordergrund standen dabei die Gewalt und Zerstörung einer einzigen Nacht, wĂ€hrend die folgende Deportation in KZs, âArisierungâ und die Rolle der Zuschauer vielfach kaum bedacht wurden. Bis 1973 ging die Zahl dieser Gedenkveranstaltungen und die Teilnahme daran zurĂŒck. Aktuelle politische Ereignisse wie die Studentenbewegung, der Yom-Kippur-Krieg oder der 50. Jahrestag des Hitler-Ludendorff-Putsches ĂŒberschatteten das Datum.
Zum 40. Jahrestag 1978 gewann das Gedenken an die Novemberpogrome ungeahnte PopularitĂ€t. GegenĂŒber 1973 verzehnfachte sich die Anzahl der Gedenkveranstaltungen. Die spezifisch jĂŒdische Verfolgungsgeschichte wurde nun erheblich differenzierter wahrgenommen, erforscht und gewĂŒrdigt. Der Begriff âReichskristallnachtâ wurde kritisch hinterfragt und die historische Einordnung der Novemberpogrome als Beginn der âEndlösungâ oder Etappe auf dem Weg dorthin erörtert. Auch die Haltung des damaligen Publikums als Komplizen oder schweigende Zuschauer wurde vermehrt diskutiert.
Trotz des Eklats im Bundestag 1988 fand das Datum seinen festen Platz in der kommunalen und regionalen Erinnerungskultur. Oft wird es nicht nur als RĂŒckblick, sondern als Tag des Antirassismus begangen, bei dem aktuelle Friedenspolitik, Rechtsextremismus oder Asylpolitik thematisiert werden. Seit einigen Jahren wird auch die spezifische Lokalgeschichte genauer untersucht und in das Gedenken einbezogen: etwa indem sĂ€mtliche Namen der jeweils vor Ort ermordeten, deportierten, vertriebenen und geschĂ€digten jĂŒdischen Personen verlesen werden und Ăberlebende oder Augenzeugen ihre persönliche Geschichte erzĂ€hlen.
Kirchliches Gedenken
Seit der Perikopenrevision ist der Tag des Gedenkens an die Novemberpogrome am 9. November Teil des Kirchenjahres der Evangelischen Kirche in Deutschland, mit folgenden liturgischen Elementen:
âą liturgische Farbe: violett
âą Spruch des Tages: âWer weiĂ, Gutes zu tun, und tutâs nicht, dem istâs SĂŒnde.â (Jak 4,17 )
âą Psalm 74,1â3.8â11.20â21
âą Lieder des Tages: Evangelisches Gesangbuch Nr. 146 âNimm von uns, Herr, Du treuer Gottâ und Nr. 235 âO Herr, nimm unsre Schuldâ
âą das Halleluja entfĂ€llt aufgrund des BuĂcharakters
âą Predigtreihe I. (2025; 2031; ...) Mk 14,66â72 (Evangelium)
âą Predigtreihe II. (2026; 2032; ...) 1 Petr 5,8â9 (Epistel)
âą Predigtreihe III. (2021; 2027; ...) Spr 24,10â12 (Alttestamentliche Lesung)
âą Predigtreihe IV. (2022; 2028; ...) Lk 22,31â34
âą Predigtreihe V. (2023; 2029; ...) Mt 24,23â27
âą Predigtreihe VI. (2024; 2030; ...) 2. Mose 1,15â22
Ăsterreich
Das Wiener Volkstheater stellt seit 1993 jĂ€hrlich eine BĂŒhne fĂŒr Berichte von Zeitzeugen der Novemberpogrome zur VerfĂŒgung.cite-ref-146[146] In MĂŒnchen wirken Vertreter jĂŒdischer Gemeinden und die BĂŒrgerinitiative Gegen Vergessen â FĂŒr Demokratie bei den Gedenkfeiern zusammen. In Innsbruck wurde 1997 ein Pogromdenkmal errichtet, initiiert von Jugendlichen und entworfen von einem SchĂŒler.
AnlĂ€sslich des 75. Jahrestags des Novemberpogroms prĂ€sentierte das Burgtheater am 20. Oktober 2013 Die letzten Zeugen, ein Zeitzeugenprojekt zur Shoah von Doron Rabinovici und Matthias Hartmann im Wiener Burgtheater. In Anwesenheit von sechs Ăberlebenden des Holocausts lasen Burgschauspieler deren Erinnerungstexte, gegen Ende des Abends traten die betagten Zeitzeugen an die Rampe und sprachen einige persönliche Worte. Im zweiten Teil des Abends konnte das Publikum in drei FoyerrĂ€umen an jeweils zwei Zeitzeugen Fragen richten. Die Produktion wurde 2014 zum Berliner Theatertreffen, ans Staatsschauspiel Dresden und ans Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, sowie 2015 ans Schauspiel Frankfurt eingeladen.
Nationales Gedenken
Seit 1978 hat der 9. November auch auf Bundesebene den ihm gebĂŒhrenden Rang als festes Erinnerungsdatum eingenommen. Ein gemeinsamer VorstoĂ des Zentralrats der Juden, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Kultusministerkonferenz löste damals zahlreiche Schulveranstaltungen aus. Aktionswochen und SchweigemĂ€rsche gegen Neonazismus fanden starken Zuspruch. Alle Landesregierungen und BundesprĂ€sident Walter Scheel beteiligten sich mit eigenen Gedenkveranstaltungen.
Der fĂŒnfzigste Jahrestag 1988 geriet jedoch zum Skandal: Bei der zentralen Gedenkfeier des Bundestages durften ReprĂ€sentanten der jĂŒdischen Opfergruppe nur am Rande mitwirken. Heinz Galinski sollte dort nicht sprechen, weil er zuvor in der Volkskammer der DDR aufgetreten war. Die Rede des BundestagsprĂ€sidenten Philipp Jenninger wirkte in Teilen wie eine Entschuldigung der MitlĂ€ufer des Nationalsozialismus.
1990 war der 9. November zeitweise auch als deutscher Nationalfeiertag im GesprĂ€ch. Wegen des Mauerfalls von 1989 stand das Datum fĂŒr den entscheidenden Durchbruch zur Wiedervereinigung. Es hĂ€tte zudem einen Bezug zu einigen historischen Ursachen der Novemberpogrome hergestellt: zur Novemberrevolution von 1918 sowie zum Hitler-Ludendorff-Putsch von 1923. Darin sah eine Minderheit der Bundestagsabgeordneten eine Chance zu einer gesamtdeutschen IdentitĂ€t, welche die Freude ĂŒber die Wiedervereinigung bewusst mit der Erinnerung an den Wendepunkt zum Holocaust als tiefster Schattenseite der deutschen Geschichte verbindet.
Zum Tag der Deutschen Einheit wurde dann aber der 3. Oktober erklĂ€rt. 1996 erklĂ€rte BundesprĂ€sident Roman Herzog den 27. Januar, an dem sowjetische Truppen 1945 das KZ Auschwitz-Birkenau befreiten, zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und begrĂŒndete dies so:
âDie Erinnerung darf nie enden; sie muss auch kĂŒnftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form der Erinnerung zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer ĂŒber Leid und Verlust ausdrĂŒcken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.âcite-ref-147[147]
FĂŒr viele Gruppen und Personen, die sich mit den Folgen des Antisemitismus auseinandersetzen, wirkt der 27. Januar in der Bevölkerung bisher nicht ausreichend als AnstoĂ zum nationalen Gedenken der NS-Zeit. Darunter sind der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz und der Arbeitskreis âIsrael und Kircheâ in der EKD:
âDer 9. November ist durch keinen anderen Gedenktag zu ersetzen. Am 27. Januar, dem staatlichen Gedenktag, wird aller Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gedacht. Das Gedenken der schuldig Gewordenen und ihrer Nachkommen unterscheidet sich vom Gedenken der Opfer und ihrer Nachkommen. Es muss Gewissen treffendes Gedenken sein, sonst droht die Gefahr, der eigenen Geschichte auszuweichen, indem man sich unberechtigt auf die Seite der Opfer stellt.âcite-ref-148[148]
Historische Einordnung
Die Pogromnacht wird heute als aktionistische Radikalisierung der auch von der Parteibasis vorangetriebenen Judenvertreibung (Dieter Obst), als deren teils organisierte, teils improvisierte staatliche Zentralisierung (Rita Thalmann) oder als gezielter umfassender Angriff des Regimes auf die noch vorhandenen moralisch-ethischen Grundlagen und Reste eines rechtsstaatlichen Bewusstseins der Deutschen (Jörg Wollenberg) interpretiert.
Aus der Chronologie der Ereignisse wird in der Forschungsliteratur geschlossen, dass die Pogrome nicht auf lĂ€ngerfristige Planungen zurĂŒckgingen, sondern erst nach dem Attentat auf vom Rath (Uwe Dietrich Adam) bzw. nach dessen Ableben (Alan E. Steinweis) von Goebbels und Hitler kurzfristig beschlossen wurden. Bislang hatte er die radikalen Antisemiten in der NSDAP immer gebremst, doch nach den Erfolgen seines Regimes glaubte er, keine auĂenpolitischen RĂŒcksichten mehr nehmen zu mĂŒssen.cite-ref-149[149] Peter Longerich sieht in den Pressemeldungen des 7. November einen Hinweis darauf, dass man bereits zu diesem Zeitpunkt entschlossen war, das Attentat fĂŒr eine massive antisemitische Kampagne auszunutzen â anders als zwei Jahre zuvor das Attentat auf Wilhelm Gustloff. Auch auf das Ziel dieser Kampagne gebe die Formulierung einen Hinweis: Es ging um die völlige VerdrĂ€ngung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben.cite-ref-150[150]
Lange war unter Historikern unklar, welche Rolle Hitler bei der Auslösung der Pogrome gespielt hatte. Der ehemalige SS-SturmbannfĂŒhrer Luitpold Schallermeier sagte nach dem Krieg aus, Hitler habe ihm am 10. November erklĂ€rt, die SS solle sich âaus dieser Aktion heraushalten [âŠ] Als ich den FĂŒhrer fragte, hatte ich den Eindruck, dass er von den VorgĂ€ngen nichts wusste.âcite-ref-151[151] Aus diesen und anderen, widersprĂŒchlichen Quellen wurde geschlossen, dass die Pogrome auf Goebbels und die Reichspropagandaleitung zurĂŒckgingen, Hitler sei an der Entscheidungsfindung unbeteiligt gewesen. Dabei spielten auch apologetische Motive eine Rolle. Aus Goebbelsâ TagebucheintrĂ€gen geht aber hervor, dass durchaus Hitler Bescheid wusste. Die Historikerin Angela Hermann identifiziert ihn als den Hauptverantwortlichen fĂŒr die Pogrome.cite-ref-152[152] Der scheinbar 1924 aufgelöste âStoĂtruppâ existierte als Traditionsverband weiter. 39 fĂŒhrende Mitglieder waren am 9. November im Alten MĂŒnchner Rathaus versammelt und beteiligten sich in vorderster Reihe an den Gewalttaten.cite-ref-153[153]
Die Synagogenzerstörung war der Auftakt der systematischen âArisierungâ und der Vertreibung der Juden aus Deutschland. Die Frage, welche Rolle sie im Prozess der Radikalisierung der nationalsozialistischen Judenpolitik bis hin zum Holocaust spielte, wird in der Forschung unterschiedlich beantwortet. Der Historiker Hans-JĂŒrgen Döscher sieht in der Besprechung im Reichsluftfahrtministerium vom 12. November âden Ăbergang von der Verfolgung zur existentiellen Vernichtung der Juden in Deutschlandâ.cite-ref-154[154] Der deutsch-amerikanische Historiker Peter Loewenberg sieht in den Geschehnissen ein âöffentliches DemĂŒtigungsritualâ: Es sei dem Regime um einen Test gegangen, wie weit die Bevölkerung antisemitische Gewalt dulden oder unterstĂŒtzen wĂŒrde. Insofern sei die Kristallnacht eine âVorbereitung fĂŒr Entmenschlichung und Mordâ gewesen.cite-ref-155[155] Wolfgang Benz urteilt: âDer Holocaust begann im November 1938â.cite-ref-156[156] Auch der Historiker Hans Mommsen sieht mit der âReichskristallnachtâ einen âRubikon ĂŒberschrittenâ: Die Juden seien von da an vogelfrei gewesen, ein ââsanitĂ€res Problemâ [âŠ], das zu lösen sich Gestapo und SD anschicktenâ.cite-ref-157[157]
Dem widerspricht der Historiker Frank Bajohr: Zwischen dem Novemberpogrom und dem Holocaust habe es âkeine ungebrochene KontinuitĂ€tslinieâ gegeben.cite-ref-158[158] Heinrich August Winkler betont, es sei den Nationalsozialisten 1938 noch darum gegangen, âdie Juden aus Deutschland herauszubringenâ (so Hitler gegenĂŒber dem polnischen AuĂenminister JĂłzef Beck am 5. Januar 1939); die Entscheidung zum Mord sei zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefallen.cite-ref-159[159] Nach Henning Köhler war mit dem Pogrom die âJudenfrageâ im nationalsozialistischen Sinne âim Grunde gelöstâ: Es blieb nur ein kleiner, sozial und ökonomisch marginalisierter und zudem ĂŒberalterter Teil der deutschen Judenheit im Land, der in der Ăffentlichkeit kaum noch in Erscheinung trat: âOhne Krieg hĂ€tte sich das Problem durch weitere Auswanderung und den Tod der Alten erledigt.âcite-ref-160[160] Der amerikanische Historiker Peter Hayes glaubt dagegen, 1938 sei dem Regime klargeworden, âdass das Reich die Juden nicht schneller vertreiben konnte, als es sie zu erobern planteâ. Diese Erkenntnis habe zur Beschleunigung der Judenverfolgung und zum Ăbergang zu offener Gewalt beigetragen.cite-ref-161[161]
Siehe auch
Literatur
Zu HintergrĂŒnden und Verlauf
âą Wolf Gruner, Steven J. Ross (Hrsg.): New Perspectives on Kristallnacht: After 80 Years, the Nazi Pogrom in Global Comparison. Purdue University Press, West Lafayette 2019, ISBN 978-1-55753-870-3.
âą Wolfgang Benz: Gewalt im November 1938. Die âReichskristallnachtâ. Initial zum Holocaust. Metropol, Berlin 2018, ISBN 978-3-86331-421-7.
âą Harald Schmid: Der bagatellisierte Massenmord. Die âReichsscherbenwocheâ von 1938 im deutschen GedĂ€chtnis. In: Rainer Hering (Hrsg.): Die âReichskristallnachtâ in Schleswig-Holstein. Der Novemberpogrom im historischen Kontext. Hamburg 2016, ISBN 978-3-943423-30-3, S. 343â364. (Digitalisat auf hup.sub.uni-hamburg.de, abgerufen am 12. Juli 2025)
âą Raphael Gross: November 1938. Die Katastrophe vor der Katastrophe. Beck, MĂŒnchen 2013, ISBN 978-3-406-65470-1.
âą Alan E. Steinweis: Kristallnacht 1938. Ein deutscher Pogrom. Reclam, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-15-010774-4.
âą Angela Hermann: Hitler und sein StoĂtrupp in der âReichskristallnachtâ. In: Vierteljahrshefte fĂŒr Zeitgeschichte. 56, 2008, Heft 4, S. 603â619.
âą Martin Gilbert: Kristallnacht: Prelude to Destruction. Harper Perennial, London 2007.
âą Thorsten Eitz: Reichskristallnacht. In: Georg Stötzel, Thorsten Eitz: Zeitgeschichtliches Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. SchlĂŒsselwörter und Orientierungsvokabeln Georg Olms, Hildesheim / ZĂŒrich / New York 2003, ISBN 3-487-11759-2.
âą Max Eschelbacher: Der zehnte November 1938. Klartext, Essen 2001, ISBN 3-88474-724-X.
âą Hans-JĂŒrgen Döscher: âReichskristallnachtâ. Die Novemberpogrome 1938. Econ Tb, MĂŒnchen 2000, ISBN 3-612-26753-1 (Erstauflage Ullstein, Berlin 1988).
âą Wolf-Arno Kropat: Reichskristallnacht: der Judenpogrom vom 7. bis 10. November 1938. Urheber, TĂ€ter, HintergrĂŒnde, mit ausgewĂ€hlten Dokumenten. Kommission fĂŒr die Geschichte der Juden in Hessen, Wiesbaden 1997, ISBN 3-921434-18-1.
âą Dieter Obst: âReichskristallnachtâ. Ursachen und Verlauf des antisemitischen Pogroms vom November 1938. Peter Lang, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-631-43481-2.
⹠Rita Thalmann, Emanuel Feinermann: Die Kristallnacht. EuropÀische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-434-46211-2. (Erstausgabe AthenÀum, Berlin 1988. - Originalausgabe auf Französisch, Paris 1972. - Interessant insbesondere die Darstellung des Gryszpan-Attentates.)
âą Hermann Graml: Reichskristallnacht. Antisemitismus und Judenverfolgung im Dritten Reich (= Deutsche Geschichte der neuesten Zeit; dtv Band 4519). Deutscher Taschenbuchverlag, MĂŒnchen 1988, ISBN 3-423-04519-1.
⹠Kurt PÀtzold, Irene Runge: Kristallnacht. Zum Pogrom 1938. Pahl-Rugenstein, Köln 1988, ISBN 3-7609-1233-8.
âą Walter H. Pehle (Hrsg.): Der Judenpogrom 1938: Von der âReichskristallnachtâ zum Völkermord. Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-596-24386-6.
Zur weiteren Enteignung und Holocaustplanung
âą Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-10-000420-5. (Zur âJudenbuĂeâ, S. 60â66)
Zu Reaktionen im In- und Ausland
âą Alexander Korb: Reaktionen der deutschen Bevölkerung auf die Novemberpogrome im Spiegel amtlicher Berichte. VDM, SaarbrĂŒcken 2007, ISBN 978-3-8364-4823-9.
âą GĂŒnter Brakelmann: Kirche und Judenpogrom 1938. In: Evangelische Kirche und Judenverfolgung. Drei Einblicke. Hartmut Spenner, Waltrop 2001, ISBN 3-933688-53-1.
âą Hermann Graml: Effekte der âReichskristallnachtâ auf die britische und amerikanische Deutschlandpolitik. In: Zeitschrift fĂŒr Geschichtsunterricht. Band 46, 1998, S. 992â996.
Zur Erinnerung und BewÀltigung nach 1945
âą Harald Schmid: âAls die Synagogen branntenâ. Narrative des Gedenkens der Novemberpogrome. In: Zeitschrift fĂŒr Geschichtswissenschaft. Band 61, 2013, S. 11, S. 888â905.
âą Andreas Nachama, Uwe NeumĂ€rker, Hermann Simon (Hrsg.): âEs brennt!â 75 Jahre nach den Novemberpogromen. Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, Berlin 2013, ISBN 978-3-942240-12-3.
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âą Micha Brumlik, Petra Kunik (Hrsg.): Reichspogromnacht. VergangenheitsbewĂ€ltigung aus jĂŒdischer Sicht. 2. Auflage. Brandes + Apsel, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-925798-92-7.
Ortsgeschichten und Erfahrungsberichte
âą Heike Drummer: âIn memoriam â 9. November 1938!â Pogrome in Frankfurt. Erinnern. Ăberlieferung. In: Christian Wiese u. a. (Hrsg.): Das jĂŒdische Frankfurt. Zerstörung und fragiler Neuanfang, 1933-1990, B. 3. De Gruyter Oldenbourg, Köln 2024.
âą Sven Felix Kellerhoff: Ein ganz normales Pogrom: November 1938 in einem deutschen Dorf. Klett-Cotta, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-608-98104-9. (Arbeit ĂŒber die Pogrome 1938 in dem rheinhessischen Dorf Guntersblum. Das Besondere ist u. a., dass es zu den Pogromhandlungen einige Fotos gibt, bei denen Dorfbewohner, die sich beteiligten, erkennbar sind.cite-ref-162[162])
⹠Michael Ruetz: Pogrom 1938: Das Gesicht in der Menge. Recherche, Bild- und Textredaktion Astrid Köppe. Nimbus, 2018, ISBN 978-3-03850-050-6.
âą Silke Petry: Die Inhaftierung jĂŒdischer MĂ€nner und Frauen im Zuge der Pogromnacht im November 1938: ein Ăberblick ĂŒber die Ereignisse in der Stadt Hannover und der Region. In: Arbeitskreis Geschichte der Juden in der Historischen Kommission fĂŒr Niedersachsen und Bremen (Hrsg.): Juden in Niedersachsen 1938â1945: ForschungsansĂ€tze und Forschungsdesiderate; Tagung in Hannover 24.â25. MĂ€rz 2011. Hannover 2011, S. 22â25.
âą Ben Barkow, Raphael Gross, Michael Lenarz (Hrsg.): Novemberpogrom 1938: Die Augenzeugenberichte der Wiener Library, London. JĂŒdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-633-54233-8.
âą Hans-Dieter Arntz: âReichskristallnachtâ. Der Novemberpogrom 1938 auf dem Lande â Gerichtsakten und Zeugenaussagen am Beispiel der Eifel und Voreifel. Helios, Aachen 2008, ISBN 978-3-938208-69-4.
âą Sven Felix Kellerhoff: Kristallnacht. Das Novemberpogrom 1938 und die Verfolgung der Berliner Juden. Berlin Story, Berlin 2008, ISBN 978-3-929829-66-2.
âą Andreas Heusler, Tobias Weger: âKristallnachtâ. Gewalt gegen die MĂŒnchner Juden im November 1938. Buchendorfer Verlag, MĂŒnchen 1998, ISBN 3-927984-86-8.
âą Josef WiĂkirchen: Reichspogromnacht an Rhein und Erft 9./10. November 1938. Eine Dokumentation. Pulheim 1988, ISBN 3-927765-01-5.
⹠Konrad Heiden: Eine Nacht im November 1938. Ein zeitgenössischer Bericht. Hrsg. Markus Roth u. a. Wallstein, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8353-1349-1. (Auf Englisch Anfang 1939 unter dem Titel, The new inquisition veröffentlicht und auch auf Französisch.)
Weblinks
PrimÀrquellen
âą Von der Ăsterreichischen Nationalbibliothek digitalisierte Ausgaben: TagesĂŒberblick vom 11. November 1938 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/keineZtg
âą Simon Wiesenthal.com: Kristallnacht
⹠Joseph Goebbels: TagebucheintrÀge vom 10. und 11. November 1938.
âą Reinhard Heydrich: Fernschreiben vom 10. November 1938
âą Verordnung ĂŒber eine SĂŒhneleistung der Juden deutscher Staatsangehörigkeit
Ăberblick
âą Literatur zu den Novemberpogromen 1938 im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
âą Deutsches Haus der Geschichte: Die Reichspogromnacht
âą Pogrome in Niedersachsen
âą Thomas Goll: Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung: Die inszenierte Empörung. 2010.
âą Landeszentrale fĂŒr Politische Bildung Baden-WĂŒrttemberg: Die Nacht als die Synagogen brannten.
âą Hans Mommsen: Die Pogromnacht und ihre Folgen. In: Gewerkschaftliche Monatshefte. 10/1988 online als PDF
âą Harald Schmid: Die âReichsscherbenwocheâ nach 70 Jahren. Eine Sammelrezension zum Novemberpogrom 1938. (PDF; 139 kB)
âą Lernen aus der Geschichte: Bildungsmaterial zum Thema Novemberpogrom 1938
âą Informations-Portal zur Politische Bildung: Reichspogromnacht â 9. November 1938
⹠NaziCrimesAtlas: Maschinenlesbare digitale Datensammlung mit rund 3000 DatensÀtzen zu Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit den Novemberpogromen 1938, mit Verweisen auf archivalische Fundstellen.
Bild- und Ton-Dokumente
Commons
: Kristallnacht
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Kristallnacht
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
Wiktionary: Reichskristallnacht
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
Wiktionary: Reichspogromnacht
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
Wiktionary: Novemberpogrom
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
âą Original Radioreportage vom Novemberpogrom 1938 in Wien
âą Michael Reitz: Die Reichspogromnacht 1938 â Fanal des gröĂten Verbrechens der Geschichte in SWR2 Wissen vom 8. November 2013
âą Erwin Leiser: Die Feuerprobe â Novemberpogrom 1938. Dokumentarfilm, Berlin 1988.cite-ref-163[163]
Gedenken
âą Yehuda Bauer: Der Novemberpogrom â Historische und aktuelle Kontexte. (Synagoge MĂŒnster, 9. November 2001)
âą Gedenkmatinee zum 9. November in Wien (seit 1992)
âą Theodor Zondek: Wo war die Scham? Ein Augenzeugenbericht vom 10. November 1938. In: Die Zeit. 4. November 1988.
⹠Erinnerungsgang Nachvollzug der Deportation vom 10. Nov. 1938 als Schweigegang (Oldenburg, seit 1982, jÀhrlich)
Wiederaufbau
âą Synagogen-Internet-Archiv: Informationen zu ĂŒber 2200 deutschen und österreichischen, in der NS-Zeit zerstörten oder geschĂ€ndeten Synagogen und ihrer Nachkriegsgeschichte
⹠CAD-Rekonstruktion einiger in der Pogromnacht zerstörter Synagogen
Einzelnachweise
cite-note-11. â Nadine Deusing: Die Reaktionen der Bevölkerung auf die Judenverfolgungen in der Reichspogromnacht. In: Jahrbuch fĂŒr Kommunikationsgeschichte 10. (2008), S. 77â106, das Zitat S. 77.
cite-note-22. â Alan E. Steinweis: Kristallnacht 1938. Harvard University Press, Cambridge 2009.
cite-note-33. â Emmanuel Feinermann, Rita Thalmann: Die Kristallnacht. AthenĂ€um, Frankfurt am Main 1999, S. 13.
cite-note-44. â Alan E. Steinweis: Kristallnacht 1938. Harvard University Press, Cambridge 2009, ISBN 978-0-674-03623-9, S. 12.
cite-note-55. â Hans Mommsen: Das NS-Regime und die Auslöschung des Judentums in Europa. Wallstein, Göttingen 2014, S. 88.
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cite-note-162162. â Rezension Christian Knatz, Lauterbacher Anzeige vom 4. Oktober 2019: Ein ganz normales Pogrom
cite-note-163163. â Novemberpogrome 1938 bei filmportal.de